19.12.2019

Briefe



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ID: 18572 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 18.11.1879
 

Leipzig. 18. Nov. 79.

Theuerste Frau Schumann!

Ich kann den hohen Schnee draußen nicht sehen, ohne einen schmerzlichen Gedanken an Sie u. die Breslauer Fahrt – Alle die Vorstellungen, die Ihre lebhafte Phantasie neulich vor der Abreise erfüllten, haben sich in unsren Köpfen einquartirt, seitdem der Schneefall so zugenommen, und mit Bangigkeit dachten wir Ihrer, Sie Liebe, Theure, u. möchten zu gerne hören wie es Ihnen ergangen, u. wenn auch Gottlob kein weiterer Unfall zu befürchten war, ob Sie nicht durch Kälte u. Nässe u. etwaige Verspätungen der Züge Schaden genommen. Durch eine töchterliche Hand, oder die des Attachés Fillunger, höre ich hoffentlich was Beruhigendes, Gutes u. werde sehr dankbar dafür sein.
Uns ging es unterdeß immer schlecht, d. h. eigentlich nur mir – das prusten u. husten hat immer zugenommen sobald der Schnupfen sich empfohlen u. ich bin nun als Arrestant ganz an’s Haus gefesselt, wobei ich mich freilich am allerbesten unterhalte, denn in solchen Tagen komme ich zum lesen. Die Familie Mendelssohn habe ich zur Hälfte verschlungen, mit Heißhunger kann ich sagen, denn ich kann mir kaum etwas Reizvolleres denken, als die Beschäftigung mit diesen merkwürdigen Menschen, die aus dem niedrigsten Judenthum, ganz ohne Uebergang, enharmonisch in die feinste geistige Vornehmheit überspringen u. <sich> dann in steter Um- u. Weiterbildung die Blüthe von Allem – die schöne Künstlergestalt von Felix hervorbringen. Und doch begreife ich dass das Buch den noch lebenden Angehörigen Mendelsohns – Frau Wach z. B. unsympathisch ist. Alle diese zarten intimen Beziehungen von denen das Buch voll ist, gehören einmal nicht der Öffentlichkeit u. man schämt sich selber ab u. zu, dass man unschuldiger Weise selber mitschuldig wird an den begangenen Indiscretionen, indem man sie liest. Dass die großen Menschen eigentlich keine wahre exclusive Intimität mehr besitzen – denn wenn sie todt sind, kommt immer Einer der sie u. ihr Heiligstes der Öffentlichkeit preisgiebt, ist mir ein entsetzlicher Gedanke u. ich danke in Ihrem Herzen Gott, dass Sie noch da sind u. verhüten können, dass nicht ganz Berufene sich des Nachlasses Ihres theuren Mannes bemächtigen u. für die Welt „verwerthen“. Sie allein haben zu bestimmen, wieviel wir einblicken sollen in sein Innerstes u. alles was Sie uns davon geben, haben wir als ein Geschenk zu betrachten – aber nun denken Sie sich den Fall wenn irgend ein „Neffe“ dereinst über all die Schätze käme u. davon heraushöbe was u. wie es ihm behagte! Nein es ist doch was Schreckliches um das herausgeben – u. um das gänzlich Todt sein! – Möchten Sie nur rechte Freude erleben an dem Werk, das durch Ihre Bestimmung von allem, durch den Segen den Sie jedem Wort mitgeben werden, erst ganz das werden kann, was man haben möchte, u. dessen man sich, ungetrübt wird freuen können! Haben Sie die Baireuther Briefe von Kalbeck gelesen u. welchen Eindruck bekamen Sie? Nun bitte finden Sie die Fragezeichen nicht unbescheiden! Ich verlange mir natürlich keine Antwort, erhoffe nur eine mündliche bei Ihrer demnächstigen Wiederkehr wo wir manches nachzuholen haben werden. Sie dann auch mal allein bei uns zu haben, wie vorigen Winter, wo ich’s so genoß, ist mein heißer Wunsch. Johanna Röntgen brachte mir ein, wie sie sagte auf Ihren Wunsch gemachtes, Verzeichniß von Druckfehlern aus Faschingsschwank u. Nachtstücken, ich verglich aber die ältere Wiener Ausgabe mit der schändlichen Petersschen u. fand nicht einen einzigen Fehler in jener wieder, weshalb es überflüssig ist, Ihnen die Liste zu schicken. Aber Abraham soll sie zu sehen kriegen. Röntgens sind in Verzweiflung weil sie Ihnen aus lauter Pietät für Julius die Variationen neulich gegen eigene Ueberzeugung alle <zu> so langsam (nach seiner frühern Angabe) vorspielten u. nun erscheinen sie mit lauter rascheren Tempobezeichnungen! Sie erzählte es uns wie einen wirklich tragischen Fall u. wir suchten vergeblich sie zu trösten.
Doch nun genug der Geschwätzigkeit. Das Beste müssen Sie zwischen den Zeilen lesen: wie lieb wir <>Sie haben u. wie wir zehren an den paar wenn auch flüchtigen Stunden des Zusammenseins. Das Beste, wie immer, bleibt besser ungesagt, aber fest geglaubt. Es küßt Ihnen die Hände
Ihre treue Verehrerin
Lisl Herzogenberg

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
454-457
 



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