19.12.2019

Briefe



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ID: 18573 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 23.01.1881
 

Leipzig. – 23. Jan. 81. –

Theure liebe Frau,
Ehe Sie da sind, sollen Sie doch noch einmal hören, wie sich die Humboldtstraße auf Sie freut. Mir ist, als wäre es eine halbe Ewigkeit, daß wir Sie nicht gesehen u. als hätten wir furchtbar viel nachzuholen. Ich hoffe Sie geben uns dazu rechte Gelegenheit u. kommen recht gründlich oft zu Ihren Herzogenbergs. Frau Frege wird uns das doch gönnen u. die arme so herabgekommene Frau wird nicht rechten u. streiten mit uns! Sie ist sehr müde durch die vielen Migrainen u. der Mann wächst ihr wohl auch endlich „über den Kopf“, da ist es ihr gewiß recht gesund wenn Sie sich oft zu uns einladen!!! Ich freue mich schon ganz kindisch auf Sie, Sie liebe verehrte Freundin – gestern habe ich einen großen feisten Rehbock geschenkt bekommen u. der macht mich noch mehr vergnügt denn nun hab’ ich Ihnen was Ordentliches vorzusetzen, ohne daß Sie schelten können, was Sie Böse doch so gerne thuen, denn da darf ich immer sagen, einem geschenkten Gaul schaut man nicht in’s Maul! Und nun noch eine Bitte, falls Sie’s so einrichten können u. mögen, daß beide Töchter mit Ihnen kommen, so darf ich wohl die Eine zu mir her kriegen, nicht wahr, da bei Freges doch nicht Platz in’s Unendliche ist? Es würde mich so sehr freuen u. ich bitte herzlichst u. dringend darum. Ich bin jetzt wieder so viel wohler u. kann mich deshalb so freien Herzens auf Ihr Kommen freuen, was ich z. B. vor Brahms Ankunft gar nicht that, denn ich dachte im Stillen: wie soll das enden, u. wie wirst Du dich als Mensch u. Hausfrau u. Zuhörer benehmen u. behaupten; aber wenige Tage vorher fing die Besserung an u. hat Gottlob angehalten so daß ich wieder meine alte gewohnte Elasticität verspüre u. genieße. Brahms Hiersein haben wir recht genossen, er war so gut gestimmt u. herzlich freundschaftlich u. schien sich wohl zu fühlen, der Gute, obwohl er eigentlich an den Proben u. der Aufführung keine ungetrübte Freude haben konnte u. der Erfolg wie immer ausblieb. Die Leipziger müßten immer alles zum 3. Mal zuerst hören u. vorher von einflußreichen Kritikern gehörig zurecht gewalkt worden sein. Denn wie rauscht so ein Stück vorüber u. wer von den zerstreuten Zuhörern hascht in der Geschwindigkeit auch nur einen Zug von Schönheit auf; die Tragische, als eben tragisch u. dadurch den Stempel der Bedeutsamkeit deutlicher auf der Stirn tragend, gefiel natürlich noch eher, die Andre wurde „mehschtendehls“ für ein – Potpourri erklärt u. nur einige wagten schüchtern zu behaupten, daß es wenigstens eine feine Gärtnershand sei die diesen Strauß gewunden. Eine Kritik im sogenannten Intelligenzblatt verwahrt sich heftig dagegen daß Brahms künftig mit solcher Musik ankomme, er solle dann eher wegbleiben etc. – genug „mei Leibzig lob ich mir“ heute wie ehedem. Liebste Frau Schumann u. nun danke ich Ihnen noch für Ihren lieben Sylvesterbrief der mir das alte Jahr so schön beschloß. Viel zu gut u. nachsichtig sind Sie nur immer u. machen einen völlig [„]einbülderisch“ wie unsre Berchtesgadener sagen, als hätte man Ihnen wirklich eine kl. Freude gemacht mit dem freilich guten aber so unzulänglich an den Tag gelegten Willen.
Also bitte rasch einen freundlichen Entschluß bezüglich meines Fremdenzimmers hier Darf es sich auf liebe Einquartirung freuen?
Und wie wird mein Freiwilliger heißen?
In alter Liebe u. Verehrung küßt Ihre guten u. schönen Hände
Ihre Lisl H.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
469ff.
 



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