19.12.2019

Briefe



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ID: 18574 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 16.03.1881
 

16. März. 881. –

Liebste theure Frau Schumann,
Ich hoffe Sie zürnen mir nicht u. halten mich nicht für ganz undankbar daß ich nicht früher schrieb um Ihnen zu sagen, welche Freude Sie mir mit dem reizenden Korkzieher bereitet der, so künstlerisch fein erfunden, nur fast zu gut für so prosaischen Beruf ist; ich habe ihn immer auf unserm Eßtisch liegen u. daß Sie fanden er passe in unser Zimmerchen, ist eins der hübschesten Complimente das uns über dasselbe gemacht wurde. Dank, herzlichen Dank dafür! Die Correcturbögen hab ich zurück geschickt u. muß mir nun noch einige Bemerkungen od. Zweifel auszusprechen – erlauben – Ich verstehe nämlich nicht daß die beiden Exemplare der Davidsbündler nicht übereinstimmen, denn wenn auch die Platteneintheilung eine andre u. die beiden Ausgaben (wie durch den Zusatz 6 B bei der einen ersichtlich) andre Bestimmung haben, die enger gedruckte vielleicht für die Volksausgabe bestimmt ist, so müßte doch das Musikalische daran völlig übereinstimmen, u. das thut es zu unserm Erstaunen <> nicht, obwohl auf beiden steht: „Letzte Correctur durchgesehen.“ So ist in Nro 6 D moll durchwegs der Punkt auf dem ersten u. 4tel Achtel weggefallen (bei der mit Serie Nro 6 bezeichneten Ausgabe[)]. In Nro 6 (B) (der reichlicher gedruckten) stehen sie dagegen da. Weiter ist in Nro 13. Mittelsatz Gdur 2ter Theil bei der Nro 6 [(]Ausgabe) im 4ten Tact das Dis halbe Note also ueber den ganzen Tact XXX während es in 6 B heißt XXX das Cis also dort vom vorhergehenden Takt vorgehalten wird. In den alten Ausgaben, wenigstens in unsrer von Das herausgegebenen, stehen beide Lesarten, die halbe Note klein unter der andern gedruckt. Jedenfalls soll wohl die gleiche Entscheidung für beide Ausgaben getroffen werden. Das wären die beiden Punkte worin wir Abweichungen der beiden Ausg. von einander fanden; nun noch die Zweifel die beide betreffen. Soll es in Nro 11. unten wirklich ad libitum da capo heißen, kann das nicht irre führen, da die erste Zeile ja in jedem Fall wiederholt werden muß? Wäre es nicht praktischer gewesen, dieß kurze Sätzchen am Ende nochmal zu drucken um die Bemerkung über’s Da capo wirklich an der rechten Stelle anbringen zu können? Platz genug wäre vollauf gewesen da diese Seite nur 5 Doppelsysteme hat u. andre davon 7 aufweisen wie in Nro 16. Dasselbe Bedenken hätte ich bei Nro 11. – In Nro 17. befremdet mich die Stelle 4 Takte vor Eintritt des Hmoll XXX
Ich habe da immer nur eis nicht e gehört, gespielt u. gesehen, u. finde es auch so in unsrer alten Ausgabe die freilich keine Erste ist; erst im 3 Takt tritt das E dort ein, u. ich finde das auch so viel schöner u. der Paralell Stelle am Anfange des Stücks so viel entsprechender daß ich eifrigst dafür plaidiren möchte! Endlich noch eine Frage: Wollen Sie den alten Spruch letzte Zeile wirklich so haben wie er in Nro 6 gestochen ist nämlich „dem Leid mit Muth bereit[“] nicht beim wie es in den frühern Ausgaben heißt? In Nro 6 B steht gar kein Spruch;
<> Noch eins was ich vergaß: in der Coda v. Nro 17 heißt es in der Ausgabe Nro 6 B im 15 Takt: XXX
in der Andern: XXX
Was soll bleiben? Ich habe Härtels dazugeschrieben daß Sie wegen einiger Bedenken noch einmal schreiben würden, es ist doch glaub’ ich nothwendig. – Conrad Fiedler war eben bei uns u. läßt sich Ihnen auf das allerwärmste empfehlen. Seine arme Frau ist noch immer recht sehr leidend u. muß sich äußerst schonen, der allerkleinste Diätfehler, rächt sich sofort aufs furchtbarste. Ihren schönen Plan nach Florenz im Frühling zu gehen haben <S>sie auf ärztliche [sic] Befehl aufgeben müssen, sie bleibt ruhig in München u. wird später nach Crostewitz dann nach St. Maurice gehen; dort hofft sie endlich von ihren Beschwerden indirect geheilt zu werden da Blutarmuth doch bei ihr an allem Schuld ist. Mit mir stehts immer beim alten, ich bin immer noch unzertrennlich vom Cloroformfläschchen u. komme mir oft höchst lächerlich, – manchmal auch bemitleidenswerth vor! Ich möchte über alles gern meinen Körper ab u. zu ganz vergessen können, u. das gelingt eben dabei leider gar nicht! Durch Fillu – Eugenie höre ich daß Sie sich in London wohl fühlen u. die warme Sympathie genießen die Ihnen die <>Menschen entgegen bringen, daß sie Sie ganz zu schätzen wissen ist einer der wenigen Punkte die mich gut stimmen für dies Volk an das ich nur mit verhaltener Wuth denke wenn mir z. B. Transvaal u. der Jammer der armen Boers einfällt. Frau Bennecke die Schwester v. Frau Wach ist jetzt hier, Letztere ist jetzt endlich wieder wohl. Frau Frege gab einen großen rout auf den wir gingen u. hielt die Strapatze merkwürdig aus. Sie hat sich Fr. Wach gegenüber kurz nach Ihrer Abreise ausgesprochen u. <> in rührender Weise zugegeben daß sie in Momenten größter Verzagtheit ganz verbittert u. auch ungerecht würde, das hat mich in Bezug auf Ethel Smyth beruhigt auf welche Fr. Wach sie ganz direct anredete, da sie ihr gegenüber auch so unangenehme Andeutungen gemacht hatte. Daß sie so ihre Fehler zugeben kann, einer viel jüngeren Frau gegenüber hat mich sehr gerührt u. überhaupt muß das Mitleid immer wieder alles andre überwiegen! – Bülöw gab kürzlich in Halle großes Orchesterconcert, halb Leipzig pilgerte hin, wir mit da wir gerne sehen <>wollten ob er eben so unsympathisch als Orchesterspieler wie als Klav.spieler sei. Alles war wie durch ein Vergrößerungsglas gesehen, kein Detail fehlte, man hätte die ordentlichste Partitur danach aufschreiben können (außer wo er sich wirklich Willkührlichkeiten erlaubte) aber einen wahrhaft künstlerischen Geist der sich emporhebt über Details, <>u. aus dem Vollen nachschafft u. sich nur einmal vergißt, den vermißten wir durchaus. Es ist immer wieder Bülow den er vorträgt nicht Beethoven. Aber so empfinden merkwürdigerweise wenige, die Meisten waren ganz hingerissen. Besonders nach der Andante dirigirten Coriolan Ouvertüre. Auch Nikisch der selber so viel sympathischer u. natürlicher dirigirt, schwärmte! Es muß doch das Selbstbewußtsein die Hauptmacht solcher Leute wie Bülow sein.
Doch ich muß schließen damit Sie mich nicht zu unbescheiden finden. Nur noch eins: in der einen Ausgabe (Nro. 6 B) fehlen sämtliche Eusebius- u. Florestan Buchstaben u. dazu gehörende Bemerkungen bei Nro 9 u. 18. – Hoffentlich habe ich mich überall verständlich gemacht. Ich nannte immer die eine Ausgabe Nro 6 die andre Nro 6 B – hatte leider kein andres Unterscheidungs-Mittel.
Nun leben Sie wohl liebe verehrte – heute konnten Ihnen wieder die Ohren klingen, man sagt was man über Sie fühlt ja immer nur Andern nie Ihnen –
Aber wie lieb man Sie hat, das wissen Sie hoffentlich doch genau.
Bleiben Sie frisch u. gesund u. sammt Ihrer Marie ein wenig gut Ihren treuen Herzogenbergs.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
472-477
 



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