19.12.2019

Briefe



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ID: 18579 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 10.09.1882
 

Pal. Dolgorouky. den 10. Sept. 1882

Liebste liebe Frau Schumann,

Ich wollte Ihnen heute grade schreiben um meine Freude über Ihr Kommen auszudrücken, da fliegt mir Ihre liebe Karte zu, mit der vollen Bestätigung der guten Kunde. Wir sind so froh, daß wir Sie noch hier „erwischen“, wenn es auch ein kurzes Zusammensein sein wird, denn leider müssen wir ja spätestens 20ten von hier fort um zu Hause nach dem Rechten zu sehen[,] Dienstboten aufzunehmen u. Handwerker in der Wohnung anzustellen; ist das gethan, so gehen wir noch ein paar Tage zu unsrem Vater der einsam in Hosterwitz sitzt u. sind am 1ten Oct. fest in Leipzig um „ohn Unterlaß, wie Sanct Diogenas, das alte Faß zu drehen“. Fort also müssen wir, denn das alles braucht doch ein bischen Zeit u. den ersten Oct. müssen wir einhalten. Wir wollen aber auch <> das Wenige genießen u. uns dankbar der kurzen Gunst freuen, freilich wäre es noch viel schöner könnten Sie etwas früher herkommen denn wenn Sie erst 17 hier sind können wir uns kaum guten Tag u. Adieu sagen!
An die Mutter bin ich zwar sehr gebunden u. kann mich davon nicht losmachen denn sie ist sehr leidend u. äußerst schonungsbedürftig, aber es bleiben mir doch täglich ein paar Stunden die ich mit Wonne Ihnen widmen <>darf u. werde. Vormittags, von 8 bis 11 bin ich ganz frei u. wenn ich dann mit Ihnen bummeln darf werde ich mich so freuen! Heinrich aber kann sich auf länger frei machen u. wird dies sehr ungebeten thuen denn er ist schon ganz von Stolz gebläht in der Vorstellung daß er Ihren Cicerone in seinem alten Venedig abgeben soll. Von Hotel Baur wissen wir nur daß es ganz besonders theuer sein soll u. möchten Ihnen rathen lieber in Hotel de Rome (Pension suisse) zu gehen das Wüllerstorfs lange bewohnten u. das meine Mutter auch von Anfang dieses Sommers her in guter Erinnerung hat; es ist kein großes Hotel u. dadurch doppelt aufmerksam für seine Gäste, äußerst sauber u. hat gute Küche auch sind die Preise nicht unverschämt. Meine Mutter die mit ihren zwei Dienstboten dort war ehe sie eine Wohnung fand, zahlte für einen großen Salon mit Alcoven u. für ein großes Zimmer das ihre Mädchen bewohnten mit sammt Beköstigung täglich 26 lire. Das ist nicht wenig aber doch sehr bescheiden gegen die Preise von Danieli und Baur. Wir möchten Ihnen also dort Wohnung bestellen wenn keine Contreordre von Ihnen erfolgt. Sie sind nicht gebunden dort zu essen wenn es Ihnen nicht zusagt Die Lage ist ganz eben so schön wie Baur, an der selben Seite wie dieser am Canal grande. Ich bilde mir ein daß Venedig Sie bezaubern wird, es ist eine so sanfte plätschernde einspinnende u. ausruhende Lebensart die man hier führt, Mühelos schlürft man so unendlich viel Schönes in sich ein ja daß [sic] Schöne ist hier derart vorwiegend daß wir trotz vielem Nachdenken nur zwei Punkte entdecken konnten wo es nicht schön ist! Die so ungefährliche Gondelfahrerei mit ihren leisen Bewegungen wird Ihnen gewiß ganz zusagen u. überall hin können Sie mit diesen lieben Wasserdroschken hingelangen. Mit Museen die Sie vermeiden werden wir Sie gar nicht quälen, warum muß denn das Eingesperrte u. Aufgespeicherte immer grade das Sehenswürdigste heißen hier ist alles Museum u. das offen daliegende ist grade das Allerschönste. Ihre Freude an diesen Herrlichkeiten mitanzusehen wird uns ein unsägliches Vergnügen bereiten – u. sind wir zu froh daß wir Sie noch hier haben sollen! Volklands erzählen viel Liebes von Euch Lieben es müssen Ihnen oft die Ohren klingen u. Heinrich der eigentlich nie schwärmt, wird dann immer zum Schwärmer. Also auf baldiges Wiedersehen! In steter Verehrung u. Liebe Ihre
Lisl H.

Tausend Grüße den Töchtern, ich freue mich schon auf Eugeniens Italienisch, ich Arme kann so gut wie nichts trotz riesigem Fleiß in diesem Sommer.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Città di Monaco
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
497ff.
 



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