19.12.2019

Briefe



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ID: 18581 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 02.12.1882
 

Leipzig 2. Dez. 82

Verehrteste Frau Schumann!

Ich bin tief gerührt, dass Sie mir immer wieder von Neuem Ihr kostbares und wahrhaft beglückendes Vertrauen schenken, und küsse Ihnen die lieben Hände dafür, dass gerade ich Ihnen einfalle, wenn Sie irgend einen Zweifel haben. Und wie froh bin ich, dass ich in vorliegendem Falle wirklich mit Entschiedenheit rathen kann, und nicht auf die Frage mit einer Frage zu antworten brauche, was Ihnen mehr schaden als nützen würde!
Meine Ansicht über die Wichtigkeit einer von Ihnen besorgten instructiven Ausgabe ist ganz dieselbe geblieben, wie damals im Bogen-Gang des Dogen-Palastes. Sie sollen und müssen sie machen, sich selbst, Robert Schumann, und der Welt zu Lieb! Wer das nicht einsieht, ist entweder, wie Ihre lieben Töchter, zu sehr mit den so einem Unternehmen zunächst liegenden Sorgen und Bedenken beschäftigt, oder hat kein warmes Herz für die Sache.
Ich würde auch ganz ruhig und unbeirrt weiterarbeiten, und mich weder links noch rechts <>umsehen, auch das Für und Wider vorläufig auf sich beruhen lassen. Die Härtel’sche Anfrage würde ich ganz nebenbei dahin beantworten<:>; „dass Sie allerdings eine instr. Ausgabe nicht nur planen sondern bereits in Arbeit haben, dass Ihnen selbst der Werth einer derartigen Publication ganz wohl bekannt sei, und Sie Ihre Arbeit in keinem Falle um einen gewöhnlichen Handwerker-Preis aus der Hand geben würden“. Glauben Sie mir, Härtels probiren es blos; auf „echte Künstler“ und ihre Verachtung des schnöden Mammons haben sie seit jeher, und leider oft genug mit Glück, speculirt! – Wie viel Sie dann, wenn Härtels in besserer und anständigerer Form wieder anfragen, fordern sollen, ist für mich sehr schwer zu entscheiden, der ich ja selbst keine grosse Routine in diesem Punkte haben kann. Ich denke blos als allerniedrigste Forderung das Doppelte; dies kommt mir aber zu wenig vor; kurz, ich tappe vollständig im Blinden herum. Wenn ein Handlanger so und so viel bekommt, wie viel hat Clara Schumann zu verlangen? Oder, wenn 3 Aepfel 15 pf. kosten, was kostet dann die Villa Rothschild? Nicht wahr, das ist schwer auszurechnen?! Was nun die Art der Ausgabe betrifft, so glaube ich, dass Sie es ganz gut und richtig machen, nach dem, was ich davon gesehen. Ich erinnere mich, dass ich nach oberflächlicher erster Durchsicht die Ansicht hatte, als ob Sie zu wenig sagten, dass ich dies aber bald als einen Irrthum meinerseits erkannte. Darin bestärkt mich nun der Zufall noch mehr, der mir neuerdings eine Bülow’sche Ausgabe in die Hände spielte. Es kann nicht Ihre Aufgabe sein, die Form der Stücke mit geistreichelnden Aphorismen zu analysiren, oder gar – was bei Schumann nahe läge – den poetischen und subjectiv-biographischen <>Innhalt [sic] bloszulegen; dazu gehörte auch eben ein eitler Geck wie der arme Bülow Einer ist; Sie brächten das Gott sei Dank gar nicht zu Wege! Gute, von Ihnen persönlich und im Unterricht erprobte, Fingersätze, gelegentlich ein Hinweis auf dies oder jenes sfz. oder plötzliche p., auch einmal die Betonung der Wichtigkeit einer Stimme vor der anderen, genügt nicht nur vollständig, sondern ist meiner Meinung nach, auch das allein Richtige und Fördernde. Vielleicht könnten Sie hie und da den Gebrauch des oder der Pedale reguliren, da in diesem Punkte bekanntlich die grösste Willkühr und Unwissenheit Mode geworden ist. Für einen Punkt, die Vorstudien zu besonders originellen Schwierigkeiten, könnten Sie Schumanns Beispiel in den Paganini’s nachahmen, und hie und da unter dem Text ganz kleine Fingerübungen vorschlagen; ob dies aber nicht schon zu weit geht, kann ich nicht entscheiden. Ich denke mich blos in die Seele eines Schülers hinein, dessen Lehrer zu dumm ist, um ihm vorkommenden Falls den richtigen Weg, um hinter eine Schwierigkeit zu kommen, anzugeben.
Auch denke ich, dass diese Ausgabe Ihre Tempo’s geben sollte.
Da kommen wir denn freilich wieder auf’s böse Metronomisiren zurück. Wäre ich bei Ihnen, so sollten Sie’s gar nicht merken, geschweige denn selbst irgend eine Mühe oder Aufregung davon haben! Spielen Sie doch einmal, probeweise, einer Ihrer Töchter ein Stück vor, rein nur um sich und ihr Vergnügen zu machen. So bald Sie am Clavier sitzen, guckt die Tochter heimlich hinter Ihrem Rücken auf die Uhr, und merkt sich den Takt, welcher die erste Minute voll gemacht. Mehr braucht’s nicht. Das Andere will ich besorgen. Sie schreiben mir dann die Anzahl der Takte, zu deren Spiel eine Minute Zeit erfordert wurde, und ich mache das Rechen-exempel. Dann probiren Sie es wieder mit dem Metronom, und corrigiren die Metronom-Nummer nach Belieben und Stimmung. So erreichen Sie mit Sicherheit Dasjenige, was vom Metronom überhaupt verlangt werden kann, eine ungefähre Angabe des Durchschnitts-Tempo! Ich halte dies auch aus dem Grunde für unerlässlich, weil von den Schumann’schen Original-Metronom-Angaben die Sage geht, sie seien zum grössten Theil übertrieben schnell gemeint. Nun noch zum Schluss die überflüssige Bemerkung, dass ich zu jeder Hülfe mit tausend Freuden bereit bin. Auch zu diplomatischer Mission bei Härtels bin ich gut zu verwenden, weil ich ihnen nie „auf den Leim“ gegangen bin.
Grüssen Sie Ihre lieben Töchter und Fillu (die wir gern einmal bei uns hätten, mit oder ohne Gesang). Es freut uns sehr, dass wir Ihnen zu Scholtz gratuliren dürfen; wir kennen ihn nicht. Ist es wahr, dass Stockh. wieder eintritt? – ?
In innigster Verehrung und Dankbarkeit
Ihr Herzogenberg

Von meiner braven Frau die herzlichsten Grüsse!

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
500-503
 



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