19.12.2019

Briefe



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ID: 18582 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 31.12.1882
 

31. Januar. 82.

Theuerste liebste Frau,

Wenn ich auch zum ordentlichen Schreiben heut nicht komme, wissen sollen Sie’s wenigstens wie wir an Sie denken, nämlich mit viel Liebe, u. daß wir heute danken für alles Gute das Sie uns in dem alten Jahr gespendet u. morgen hoffen wollen, daß Sie uns im Neuen abermals Zeichen Ihrer lieben Huld gewähren mögen.
Ich hab mich sehr gefreut über Ihr Kärtlein u. daß Sie den Freund bei sich hatten u. Weihnachten so vergnügt mit ihm u. Haydnsinfonie verlebten wie mir die gute Fillu ausführlich beschrieb. Wir brachten den Abend um so stiller ganz allein zu u. damit’s nicht so entsetzlich kinderlos zugehe hatte ich mir das Kleine meines einstigen Stubenmädchens eingeladen, die denn die richtigen Augen zu dem Lichterbaum machte, der für uns Alte allein doch nicht brennen durfte. Ach theure Freundin es thut manchmal weher als derjenige sich vorstellen kann, der Kinder u. Enkel denkend sinnend das Haupt schüttelt, wie Sie es können! – (Gott gesegne es Ihnen u. jedes Strümpfchen das Sie für die Enkelchen kaufen dazu!) Jetzt wird wohl auch das silberne Zauberpfeifchen nach America gewandert sein! Hätt ich nicht einen solchen Engel an meinem Mann wer weiß wie mir zu Muth wäre, aber er der sich wenn mir’s an heiterm Muth gebricht in Liebe verdoppelt u. verdreifacht giebt mir ja mehr als ein Mensch je fordern dürfte u. nur in Dankbarkeit sich gefallen lassen darf! Auf meinem Tische wimmelte es wieder von lieben Sprüchlein aus denen mich immer das selbe Gefühl in stets neuer anmuthiger Gestalt anspricht u. beglückt; er hatte sich wieder einmal selbst übertroffen, der Heinz, u. ich wollte ich könnte sie Ihnen zeigen alle seine alexandrinischen u. seine spassigen Reime. Werdet Ihr denn den Parzenchor zu hören bekommen Ihr Glücklichen? wir natürlich nicht u. doch wünscht’ ich mir das über alle Maaßen. Quintett kommt diesen Monat d. h. Januar dran, wie liebe ich dieses Stück, den letzten Satz hab ich jetzt erst kennen gelernt in seiner strotzenden heiteren Fülle, wie muß es reizend klingen!
Grüßen Sie falls er morgen noch bei Ihnen ist Brahms recht schön, wir rechnen darauf daß er wenn auch jetzt nicht doch später mal durchreist es wäre zu schade wenn wir darunter büßen sollten daß man ihn hier nicht besser zu schätzen weiß. („Der E..l ist ein dummes Thier (Gewandhaus) Der Elephant (Humboldtstraße) kann nichts dafür.[“]) Haben Sie gemerkt ob Brahms was gegen uns hat? Ich wüßte zwar nicht recht was, aber ich dachte mir’s so ein Bischen in Venedig, u. es wäre doch schade weil entschieden nur eine Personenverwechslung solch einer Stimmung zum Grunde liegen könnte! Adieu Liebste u. noch eine Bitte zum Beschluß des <neu> alten od. Beginn des neuen Jahres wo bekanntlich das Fordern frei u. das Versagen unerlaubt ist! Nennen Sie mich doch lieber beim Tauf- als beim Familiennamen! ersterer ist mir doch bei weitem angewachsener und natürlicher u. Sie machten mich so glücklich damit. Ich bin <ob>zwar alt doch nicht so alt daß Sie mich nicht ruhig Lisl nennen könnten!
Als welche ich Ihnen in treuster Verehrung die Hände küsse u. in Liebe drücke (aber sanft!)
Ihre Lisl.

Alles Herzlichste den lieben Töchtern, Fräul. Marie’s schöner Kalender wird morgen hervorgeholt
Wie machen sich denn die Venez. Blumenvasen!

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
504-507
 



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