19.12.2019

Briefe



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ID: 18583 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 28.02.1883
 

28. 2. 83. Abends.

Eine Beschämung die ich verdiente die aber doch nicht minder schmerzte, war mir Ihre gestrige Frage: ob wir uns auch ein Bischen auf Sie freuen, goldenste Frau Schumann. Und leid thut es mir daß sich Ihre Karte mit diesen Zeilen die schon auf meinem heutigen Programm standen grade kreuzen od. ihnen zuvorkommen mußten so daß Sie nun wirklich denken, ich müsse erst gemahnt werden um die Worte zu finden mit denen wir unsre beste Freude in solch einem Winter willkommen heißen, liebste theuerste Frau! Aber es geschieht mir ganz recht wenn Sie auch noch schlechter von mir denken, warum beruhigte ich mich auf die Karte an Frau Frege hin über Ihren Fall in Berlin statt auf gut Glück auch ohne Adresse hinzuschreiben, warum ließ ich mich wieder einmal abhalten, statt ritsch ratsch des Herzens Drang zu folgen, warum bin ich ein so elender Correspondente, ein so nachlässiger Mensch, u. überhaupt so good for nothing daß ich nicht einmal Ihre doch so liebe Karte trotz des verdienten Vorwurfs <nicht> verdiene! Liebste Frau Schumann! Warum fragen Sie uns was Sie spielen sollen, wir haben zu viel auf dem Herzen was wir <wünschen>wünschten, von Ihnen zu hören. Les adieux reitzt [sic] uns sehr, u. in dem Fall könnten Sie als Ensemblestück, das Schumannsche Quintett spielen nicht? Wir hörten es hier so lange nicht u. wir speciell von Ihnen nicht seit Wiener Jugendtagen. Dann gäbe es aber auch ein andres Programm: Beethoven Gdur Clav u. Violinsonate op 96 u. als Solo möglichst viele Davidsbündler. (Wie lange hörte man diese nicht von Ihnen.) Durch Röntgens wissen wir daß Sie das neue Brahms Trio vorschlugen u. er, der alte Umstandskasten es ablehnte; wenn Sie drauf zurückkämen würde mich’s freuen, obwohl ich nicht glaube daß grade das Werk ihm seine Freundesschaar vermehrt an diesem Ort, aber weil ich es Brahms gönnen würde, der dieß Jahr absichtlich schnöde hier behandelt wurde u. weil, wenn es nicht von Ihrem Namen getragen seinen Einzug hier hält es hier nie dran kommt. (Die G dur Sonate hat nie jemand hier gespielt, außer Ihnen) Ich fürchte nur, bei diesem Stück das doch öfteres Probiren bedingen würde als ein Beeth. od. Schumann daß Sie Anstrengung davon hätten. Wie freute ich mich das herrliche Scherzo von Ihnen zu hören! Was sagen Sie aber zu Quintett u. Adieux – wär das nicht die allerschönste Wahl? Gegen Phantasie stimmen wir, weil Sie eben dann nichts weiter, kein Ensemble, spielten <> was doch schade ist. Heinrich zwar schilt, daß ich ein Wort gegen die Phantasie vorbringen kann, u. so möchten wir eigentlich am Liebsten, Sie spielten unbedingt das, was am lebendigsten grade aus Ihnen herausdrängt zur Freude u. Beglückung andrer. Das Mendelssohnsche Concert ist uns wohl recht, warum vermutheten Sie bei uns das Gegentheil? Die Zeit, wo wir kein Herz hatten für Mendelssohn liegt weit hinter uns so weit daß mich erstaunt daß Sie was davon verspürten. Wie fast alle, in deren Jugend das erste Singen Schumanns fällt, waren wir bis zur Einseitigkeit von diesem Zauber gebannt u. damals konnte man nicht ohne Ingrimm die beiden Namen zusammen nennen hören. (Mit Rudorf der ganz dasselbe an sich erlebte verstanden wir uns neulich prächtig darüber) später wenn die Leidenschaft flieht u. eine nur um so tiefere Liebe bleibt, da wird man auch dem Werthe anderer gerecht u. uns ist weiß Gott jetzt nichts verächtlicher, als die Geringschätzung mit der eine gewisse Gattung unsrer heutigen Musiker über Mendelssohn hinwegspricht als wäre nichts an ihm als eine gewisse große Fertigkeit im Beherrschen der Form. Aber ich habe zu weit ausgeholt um mich zu vertheidigen wo es gewiß gar nicht nöthig war. Theuerste Frau Schumann, ich bin so froh daß von der Kammermusik bis zum Abon.conc. ganz hübsch viel Tage liegen u. daß wir Sie wirklich ein bischen zum Niedersitzen hier bekommen! Pflaumencompot hab ich leider dies Jahr keine aber sonst möcht ich’s an nichts fehlen lassen daß Sie <> sich bei uns nur halb so gemütlich fühlen wie wir Glücklichen vorig Frühjahr bei Ihnen. „Arme Leit koche halt mit Wasser“, habe keine so schönes rostbeef u. Hühner wie Fräul. Marie, keine schönen großen Zimmer mit freundlicher Aussicht auf ein liebes Gärtchen, kein gutes Klavier (u. keine Hände sich beglückend drauf zu legen!) und sind über, überhaupt, wenn Sie kommen, so ganz die Empfangenden, nicht die Gebenden; so daß Sie sich schon mit der ganzen Güte, deren sie Liebe fähig sind, ausrüsten müssen u. mit dem Gefühl begnügen: „nein was mach’ ich den Herzogenbergs für Freude wenn ich komme“! um sich trotz alledem recht oft u. gern von der Bahnhofstr. in die Humboldtstr. zu bewegen! Frau Frege, die in letzter Zeit wieder lieb u. gut war, nach einer Periode starker ungerechter Erbitterung, hat ein Attentat mit einem Heinrichschen Trio auf Sie vor, das Ihnen bei ihr durchaus vorgespielt werden soll. – ich bin unschuldig an dem Blute dieses Gerechten, meines Heini’s, aber sie will es, u. daß sie es will freut mich ja doch. Aber ich kann das Trio nicht spielen möchte lieber weinen still im Kämmerlein u. kann dem Heini <>hier wie so oft nur wiederholen: warum hast Du nicht die Essipoff geheirathet. Bei dieser fällt mir der gräuliche Leschetitzky ein der das Amoll concert ganz unbeschreiblich spielte. Ich habe es nicht begriffen daß man’s ihm erlaubte in einem Winter wo man Sie schon bestimmt erwartete. Sie glauben gar nicht, wie scheußlich es war, wie eine absichtliche Carricatur des geliebten Werkes; das Andante ganz staccato u. eine Stecherei von Anfang bis zu Ende zum verzweifeln. Doch bald schwätzen wir über dies u. vieles Andre. Heinz grüßt tausendmal u. dankt für Ihren letzten Brief, er freut sich daß die Verh. mit Härtel so gut zu Ende geführt worden. Er hat jetzt wirklich viel zu thuen mit Bachconc. am 4. u. Passion am Charfr. die er statt Reinecke dirigirt, eine Freude die noch größer wäre hätte man mehr Zeit es zu machen wie es eigentlich sein sollte. Aber dem Schlendrian läßt sich in so ein paar Wochen nicht entgegen arbeiten.
Goodbye Liebste Theuerste
kann Eugenie diesmal nicht auch mit, u. bei mir wohnen? Es wäre doch zu nett. Denken Sie nach ob s nicht möglich ist.
Es küßt Ihre Hände
in Liebe u. Verehrung
Lisl H.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
507-512
 



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