19.12.2019

Briefe



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ID: 18584 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 18.05.1883
 

18. Mai. 83. L.

Haben Sie tausend Dank liebste, theuerste Frau Schumann für Ihren lieben Brief. Noch mehr würde mich derselbe freuen wenn ich sicher wüßte ob wir uns in Berchtesgaden sehen werden aber wir <>können noch gar nicht über uns bestimmen bezüglich des Juli’s da wir Wüllerstorfs nur in diesem Monat sehen können (in Arnoldstein) u. es von dem Befinden des Onkels abhängen wird, ob wir unsren Besuch dort kürzer oder länger halten werden. Am Liebsten blieben wir die ganze Zeit auf einem Fleck ruhig sitzen möglichst still u. ungestört aber das ist ein Traum. Ein Häuschen zu besitzen wodurch doch etwas mehr Stabilität in unser Sommerleben käme, dieser Wunsch wird immer stärker bei uns u. wollen wir uns heuer ernstlich nach etwas Kleinem für uns umschauen.
Das Motto ist schon gefunden:
„Casa mia, casa mia
che piccina che tu sia
tu mi pare una badia“
Also wird sich das Uebrige hoffentlich wohl auch dazu finden!
Es ist ein guter Zeitpunkt zum kaufen jetzt, weil’s eben schlechte Zeiten sind u. alles herunter geht, das sahen wir jetzt bei unsrer großen Wohnungsumschau die uns sehr präoccupirt hat. Wir sind fest entschlossen unsre jetzige theure Wohnung aufzugeben nicht gegen Hotel garni aber <>gegen ein etwas bescheideneres logis, das man schon für 11 bis 1200 M. haben kann, sogar mit derselben Zimmeranzahl wie wir jetzt haben, da das Stadtviertel ungeheuer mitspricht; u. wir jetzt, wie wir uns nun erst bewußt wurden, gradezu faubourg St. germain wohnen! Leichten Herzen’s geben wir das bischen Eleganz der Lage die doch nur in der Einbildung liegt, auf, da wir uns mit 700 M. Ersparniß schon fast die Möglichkeit erkaufen ein Sommerhäuschen zu haben. Verzeihen Sie diese langweilige Erörterung, aber ich weiß Sie haben Verständniß für diese Wünsche in unsrer Seele u. werden Sich mit uns freuen, wenn ich mal schreiben kann daß wir Hausbesitzer u. Collegen geworden! In dieser Wohnung müssen wir nun noch bis April 84 bleiben, da das risico ein zu großes ist wenn wir uns auf eigene Hand auf das loswerden der Etage einlassen, u. wir, bei halbjähriger Kündigung in aller Form, erst April ausziehen können. So haben wir noch Zeit zu suchen, werden aber deshalb etwas früher hier einrücken müssen als sonst im Herbst. – Wie hübsch wäre es über Frankfurt nach Berchtesgaden zu reisen, aber doch ein unmoralischer Umweg für Menschen die sich aufs Sparen verlegen! Haben Sie aber Dank daß Sie’s vorgeschlagen es ist immer das Hübscheste was uns geschehen kann wenn wir merken daß Sie uns ein bischen gerne mögen. Hier haben wir nichts Hübsches erlebt[:] der deutsche Musikertag war unerquicklich u. eigentlich nur das Parzenlied erfreulich, das freilich auch sehr. Wir hörten’s zum ersten Mal u. waren sehr erschüttert davon. Mit Liszt um den sich alles schaarte suchten wir nicht zusammen zu sein, – was soll man mit einem „Meister“ anfangen der den Autor der Tod-sünden, Goldschmidt, u. ähnliches Gelichter protegirt u. selber so Grausliches zu Tage fördert wie seine neusten Paraphrasen die wir hören mußten u. gegen die sein früherer „Schmarn“ wahrer Kaiserschmarn ist! Eine Frau Jaell ließ sich auch hören, als Illustration zu Schillers Worten: „Da werden Weiber zu Hyänen“ denn etwas grausam Scheußlicheres hab ich nie in meinem Leben gehört. Was alles neben u. durcheinander Musik genannt wird das könnte einen fast traurig machen wenn man nicht seinen festen Glauben in der Brust hätte, daß nur das Gute besteht u. das Schlechte verweht. – In Berlin hatten wir <gute>hübsche Tage[,] das Trio vom Heinrich wurde vom De Ahna Trio sehr gut gespielt u. machte uns viel Freude. Spitta ist ein Mensch den man immer lieber gewinnen muß u. dessen Entferntsein ich für meinen hier doch recht isolirten Heinrich sehr beklage. Bei Rudorfs brachten wir einen hübschen Abend zu u. beneideten sie ein wenig um ihr heimliches Nest mit den einzigen Kinderchen u. er erzählte uns noch mit leuchtenden Augen von dem Enthousiasmus im Schumannconcert. Bargiels besuchten wir auch u. erfreuten uns an dem Stolz des Hauses ihrem kugelrunden Sohn mit den päpstlichen Speckfalten. Frau Frege sah ich heute, nicht ganz befriedigt von der Cur wie mir schien aber die Wirkung kommt ja nach. Wachs sind wohl, aber immer überbürdet! Frau Oppermann ganz im Jammer, machte eine Krankheit nach der andren durch – es sollten doch nur die Reichen krank sein. Doch nach all diesen „Personalien[“] will ich rasch ein Ende machen. Wir werden <>Ihre Wohnung bei Meyer gleich ansehen ich weiß wie theuer die Frau ist u. man muß nur recht energisch mit ihr sein. Ich schreibe von Berchtesgaden gleich. Wir wohnen wieder bei Brandner, mit Heinrichs Schwester, der Wittwe, u. ihren Kinderchen, sie oben, wir unten; wir sehnen uns nach Luft und Land, Städte sind ein böses Vorurtheil. Nun noch Gruß u. Kuß an die Töchter u. einen Handkuß von uns Beiden an die vielgeliebte Mama – u. lassen Sie manchmal von sich hören. Darf ich bitten mich auch der Frau Tochter zu empfehlen?
In alter Verehrung und
stets erneuter Liebe
Ihre Lisl

(mit dankbarem Bewußtsein!)

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
513-517
 



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