19.12.2019

Briefe



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ID: 18586 Brieftext


Geschrieben am: Montag 01.06.1885
 

Lieseley, Königssee, Berchtesgaden.

Liebe verehrte Frau Schumann!

Warum der böse Zufall immer wieder auf Sie loshackt, und Ihre allerunentbehrlichsten Gliedmassen eben so rücksichtslos behandelt, wie die eines Packträgers! Unmusikalisch ist das Schicksal, weiss Gott, sonst liesse es doch mal Bülow oder einen Anderen auf die Hand fallen! Im Ernste, wir sind sehr betrübt über die neue Geduldsprobe, und die vielen unnützen Schrecken und Schmerzen. Mögen Sie sich bald und gründlich davon erholen!
Eben während ich schreibe kömmt der Bote mit Ihrem 2. Brief und der Einlage von Härtels. Ich gestehe lieber gleich, dass ich mich incompetent fühle, um guten Rath zu geben. Ich erwarte aber nur Ihre Erlaubniss, und schreibe gleich dann an unseren Freund Wach, der sich im Vertrauen bereits zur Führung des geschäftlichen Theiles dringend und herzlich erboten hat; hat er doch immer schon mit fressendem Neid zugesehen, wie ich mit ungeübter Hand Ihnen helfen durfte; den geschäftlichen Theil der Sache versteht er ausgezeichnet, und ist er auch nicht Ihr Sohn, so ist er doch – Mendelssohns Schwiegersohn, und Ihnen mit grösster Verehrung ergeben. Ein bischen habe ich ihn darauf vorbereitet; wenn es Sie genirt, direct mit ihm zu correspondiren – was ja auch die arme Hand geniren würde – dann thue ich’s, und Sie sagen ihm mal gelegentlich „danke“. Auf Gewinn-Antheil dürfen Sie sich Keinenfalls einlassen. Mit Löwen und Verlegern theilt man nicht gut. Lassen Sie aber – bitte ernstlichst! – recht rasch copiren; Ihr lieber Schwiegersohn, den ich sehr zu grüssen bitte – kann ja wohl von irgend woher eine Hülfe nehmen, oder man rückt ein Inserat in die Zeitung, worauf man die Schriften von etlichen hundert heisshungrigen Copisten zu prüfen haben wird. Aber rasch!!
Gestern, nach der wichtigsten Einräumerei, begann ich mit den Briefen. Viel fand ich noch nicht, bin aber auch noch nicht weit gekommen. Was wir ausziehen, wollen wir auch gleich copiren (ich dictir’s meiner Alten) Sie können dann immer noch streichen oder zusetzen. – Uns freut es sehr, dass aus Gastein nichts wird, wir fühlen aber, dass das gar nicht schön von uns ist. Schattig ist’s freilich, aber warum? Regen – Regen! XXXX (Wie Sie sehen, hab ich das Thema in der Vergrösserung bringen müssen, um der Natur nahe zu kommen!) Das Hausl ist zauberhaft, und der kleine Hund Stromian bellt lauter Nadelstiche – also können wir endlich ruhig schlafen. Eben erhalten wir Anzeige, dass Etwas von Berlin abgeschickt wird – Frau Schumann! Frau Schumann! Sie haben vergessen, was für Spitzbuben unter den Linden wohnen!! Dass mich Härtels loben, ist wirklich sehr gut von ihnen. Senden Sie ihnen aber ja den lieben Wach auf die Bude; sie sind so lieblich in ihrem Briefe, dass ich – ein genauer Kenner Leipzig’s – Schlimmes befürchten muss. Unter, 3, 4 Tausend gewiss nicht. Und wie geht’s Moll? Ist „er“ wieder in Thätigkeit? Viele Grüsse an Ihre lieben Töchter und Fillu; Frl. Marie soll meiner von dem seidenen Staat ganz gerührten Frau noch nicht zürnen; sie hat wahrhaftig Viel sehr Viel zu thun, und ich kann ihr nicht helfen, da ich auch Viel sehr Viel zu thun habe. In circa 4 bis 5 Tagen sind wir mit den Briefen und der Vorrede fertig. Die Correcturen machen wir zusammen, nicht wahr? Ich hole sie mir jede Woche in Vordereck, und sende sie dann direct an Härtels!
Ihr treu ergebener Herzogenberg

1. Juni 85

Ihr blau-rother Stift ist aus Anhänglichkeit in meiner Tasche mitgegangen; ich liefere ihn in Vordereck wieder aus

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Königssee
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
586ff.
 



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