19.12.2019

Briefe



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ID: 18587 Brieftext


Geschrieben am: Montag 30.07.1883
 

Klobenstein b. Bozen 30. Juli 83

Verehrteste Frau Schumann!

Sie können sich gar nicht vorstellen, was für eine Freude mir die Durchsicht der Fmoll-Sonate bereitet hat! Nicht nur, weil ich Ihnen einen kleinen Dienst erweisen konnte, sondern auch, weil ich das Stück seit je her, und jetzt mehr wie je, schwärmerisch liebe, und wahrhaft genussreiche Stunden damit zubrachte, jeden Notenkopf einzeln und im Zusammenhange zu besehen. Dass ich auf Erhaltung der oft phantastischen immer aber deutlichen Schreibart Schumanns ein Hauptgewicht legte, wird Ihnen hoffentlich recht sein. Brissler ist zu ängstlich; wie Vieles hätte ich noch ändern (d. h. wiederherstellen) mögen, wenn ich Ihre Ansicht hierüber gekannt hätte. So z. B. getraute ich mich nicht, in unwesentlichen Dingen genaue Übereinstimmung paraleller Stellen durchzuführen; eine zu peinliche Durchführung dieses Princips sieht steif aus, und Niemand hat was davon! Brissler hat überdies einige Stellen gar nicht verstanden (was meinem sonstigen Respect vor ihm keinen Eintrag thut)
Namentlich die Stellen:
I. Ausgabe Seite 14, II Ausgabe Seite 183 haben ihm Kopfschmerzen gemacht.
Sein Vorschlag: XXXX zu schreiben ist sehr böse. Schumann wollte das as ein bischen in’s 2te Viertel hinübergehalten haben, also: XXXX
statt einfach so zu schreiben XXXX was aber doch der Sinn der Stelle ist. Nun macht er einen Punkt hinter das 1/16 as, und erreicht dadurch auf die einfachste Weise den Zweck, das as ein klein wenig länger zu halten, ohne deshalb überflüssige Notenköpfe zu machen. So ist’s meistens bei seinen ersten Claviersachen, man stutzt zuerst, dann denkt man nach (aber mit etwas Empfindung) und giebt ihm Recht. z. B. Ausgabe I. Finale, 5/16 Tact: Wie richtig ist’s von Schumann, unbekümmert um die Auszählung der 1/16, die Accorde, welche gehalten werden sollen, einfach als Viertel mit Punkt zu schreiben! Das ist sogar genial! Wie sieht daneben der Brisslersche Vorschlag aus! Wie ein<> mühseliges Rechenexempel! Ebenso gefällt mir die Schreibart
des Finale-Anfangs in der I. Ausgabe weit besser als wie in der II., obgleich Schumann selbst die Änderung vorgenommen hat. Nun kommt die Honorarfrage! Umsonst thue ich nichts. Ich verlange, diese Sonate das nächste Mal, dass wir bei Ihnen sind, von Ihren lieben Händen vorgespielt zu kriegen! Nicht wahr, Sie versprechen es mir? Und schicken mir bald wieder etwas zur Durchsicht, wenn Ihnen meine Grundsätze richtig erscheinen, und Sie mit der Ausführung zufrieden sind! Hier sieht es recht schlimm aus; der arme alte Onkel ist so sehr geschwächt, dass an einem Aufkommen gezweifelt wird; dazu das schlimme unsichere und kühle Wetter, welches ihn ganz an’s Bett fesselt – wir gehen voraussichtlich recht schweren und traurigen Zeiten entgegen! Meiner Frau bekömmt die hohe Luft wieder gar nicht gut; sie schläft wenig und unruhig, was sich aber wohl wie gewöhnlich in 8 Tagen geben wird. Ich bin nun doppelt froh mich recht tief angesiedelt zu haben!
Wir haben überhaupt recht eigentliches Heimweh nach unserem „Gründl“ und nach dem anmuthigen Berchtesgaden, mit Ihnen oben drüber. Wie mag es jetzt dort aussehen? Haben Sie immer noch Regen ausser der Kälte, die dort gewiss nicht fehlen wird, da sie sogar in Florenz eingetreten ist? Finden wir (oder ich) Sie<> noch in Vordereck, Ende August oder Anfang September? Wenn ja, so möge Cap. Frank meine Haydn’schen Quartette bei Ihnen deponiren; wenn Sie hineingucken wollen, werden Sie vor Vergnügen den Landregen gar nicht merken!
Nun aber wünsche ich Sonnenschein, wie Sie es verdienen, und verbleibe mit bestem Gruss von uns Beiden an das ganze Vordereck Ihr allerergebenster
Herzogenberg

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Klobenstein bei Bozen
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
518ff.
 



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