19.12.2019

Briefe



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ID: 18589 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 09.02.1884
 

9. Febr. 84. Leipzig.

Theuerste Frau Schumann

Welch einen goldigen Brief haben Sie mir geschrieben u. welche Freude damit gemacht nicht nur mir und dem Heinz, sondern im höchsten Grade auch dem, über den das Briefchen handelte, u. der über’s ganze Gesicht strahlte u. glänzte, als ich <ihm><es> es ihm zeigte. Er mußte sich soviel Anerkennung u. Freude über die Symphonie von Ihnen nicht erwartet haben, denn er wurde vor Vergnügen roth wie ein Schuljunge, als er Ihre lieben Zeilen las u. sagte mir immer wieder: vergessen Sie nicht Frau Schumann zu sagen wie sehr ihr Brief mich erfreut hat. Der Klav.auszug den wir mit großer Sehnsucht erwartet hatten, kam grade noch zurecht damit Brahms, woran ihm lag, ihn durchspielen konnte wobei ich Glückliche das zweite Gottlob so leichte Klavier übernehmen durfte; leider muß das Manuscript morgen schon zu Simrock weiterwandern, u. Sie können sich denken, wie schwer mir’s wird es so bald wieder aus der Hand zu geben – nach 36 Stunden! Indeß habe ich die herrliche Symphonie nach 3 Proben u. Aufführung u. etwas wenigem hineinstarren in die Partitur doch recht ordentlich kennen gelernt u. weiß alle lieben Wege u. Stege darin, u. wo Sie Ihre rothen Ausrufunszeichen hingesetzt, da waren auch schon meine unsichtbaren, so daß ich schon immer von weitem paßte u. dachte: ob sie mir da auch entgegenkommt die liebe Frau – beim herrlichen Es dur im ersten Satz (<> Mitte der Durchführung) z. B. – u. wie ich um die Ecke biege u. der Sonnenglanz all der einzigen Stellen durch’s herrliche Dickicht u. lauschiges Dunkel mir entgegen leuchtet, erkenne ich Sie auch schon u. lauf’ Ihnen entgegen u. fall Ihnen recht keck u. freudig um den Hals, freudig weil man wieder so eine neue Herrlichkeit hat, u. stolz u. keck weil wir sie gemeinsam besitzen u. ich mit Ihnen fühlen kann. Ach liebe verehrte Freundin, es giebt keine köstlicheren Freuden! Und wie erfüllt u. übertrifft die Symphonie alle an sie geknüpften Hoffnungen! gestehe ich’s, daß wir nach dem letzten Klav.Trio gedrückt waren u. den Eindruck einer gewissen müden Production u. das Vorwiegen der Reflexion u. geistreicher Mache nicht los zu werden vermochten, so daß wir sogar mit einem gewissen Bangen dachten, ob wir vielleicht auch <a>zu der 3. Symphonie nur ein getheiltes Herz fassen könnten – u. nun kommt sie u. ist so übermäßig schön u. so ganz Impuls u. quellende wärmste Empfindung, urkräftig u. gesund u. von Poesie durchweht wie nur irgend eines der besten Werke Brahms! Auch erscheint sie uns klanglich entschieden noch viel frischer u. wohliger als die beiden Vorgängerinnen, Heinrich war ganz entzückt von der Instrumentation wie denn mein lieber Mann wieder einmal ganz weg u. glückselig war u. mir mit seiner Freude fast eben so viel Vergnügen machte wie die Symphonie selber. Brahms kam Montag Ab. an, hatte früh <a>9 Uhr am Dienst. die erste Probe in welcher er derart studirte, daß man ordentlich das Gefühl hatte, die Funken fliegen zu sehen die er aus dem alten (gegenwärtig etwas rostigen) Gewandhauseisen schlug. Er brachte so viel als nur irgend denkbar heraus, so daß die Herrn vom Directorium ihm mit allerlei Elogen u. quasi als Compliment die Andeutung machten, eine zweite Extra-Probe sei wohl nicht nöthig, worauf er natürlich antwortete ihm sei’s egal wie das Stück gehe u. einen berechtigten Aerger zeigte zumal man ihn hatte merken lassen: „daß Proben Geld kosten!“ (Extra-Proben nämlich.) Als er das Orchester aber fragte ob sie eine zweite Probe für überflüssig hielten riefen sie alle einstimmig nein u. sie wurde auf den Dienstag Abend angesetzt. Schließlich ging die Symphonie wirklich gut viel besser wie die C moll u. gar die D dur die Sie damals in so trauriger Weise nur Bruchstückweise erlebten. Das Publikum war für Leipzig auch recht nett, in der Probe sogar sehr warm, aber da hat die warmblütigere Jugend das Wort. Am Abend konnte man nicht viel mehr sagen als daß die Freunde von B., die allerdings numerisch etwas zugenommen haben den Sieg davon trugen über die zähe Masse des eigentlichen Gew.hausPublikums das nach wie vor kein rechtes Herz für Brahms hat, so daß er leider wieder das Gefühl eines Mißerfolgs mitnahm <hat>, obwohl wir eben den andern Maßstab der hier anzulegen ist ihm in Erinnerung zu bringen versuchten. Ein Tusch den das Orchester brachte war leider auf eine recht unpassende Art in Scene gesetzt; B. trat nämlich im ersten Theil mit Frl. Spiess hervor um ihr die 2. Schubertschen für Orchester von ihm arrangirten Lieder zu dirigiren; indem die Beiden nun vortreten geht das Spektakel los, Br. konnte, ohne unliebenswürdig gegen die Sängerin zu erscheinen, nicht den Tusch unbedingt nur für sich acceptiren, machte also verlegene Gesten zu ihr u. sie krampfhaft abwehrende zu ihm – es war eine etwas peinliche Scene u. so leicht zu vermeiden wenn man den Tusch vor der Symph. hätte losgehen lassen. Die arme Spieß (von der wirkl. das halbe Publikum geglaubt hatte der Tusch gelte ihr!) war so aufgeregt u. unglücklich daß ihr ihr bischen Athem verging u. sie den Memnon recht unruhig u. wenig gut sang. – Um dies Mädchen ist mir ein bischen bange, sie brauchte eine feste künstlerische Stütze, jemand der mit ihr studirte u. sie immer wieder auf das was noth thut hinwiese; allein, nur von ihrem frischen Talent geleitet u. von ihrem jugendlichen, zur Uebertreibung neigenden Temperament, dabei so vom Publ. verwöhnt, wird sie kaum so vorwärts kommen wie man ihr wünschen möchte. Manches singt sie sehr schön glaub ich z. B. [„]schöne Wiege meiner Leiden“ das mich kürzlich sehr von ihr befriedigte. Es war fertig u. gehalten wie sonst fast nichts bei ihr. Wie thut es einem leid um all die irrlichterirrenden Talente in der Welt die durch Unruhe u. moderne Ueberhastung zu keiner gesunden Entfaltung kommen; wenn man die Künste recht recht lieb hat, so hat man leider immer wieder Grund sich zu betrüben! Die Schimon ist jetzt hier u. singt Donnerstag. Ich muß sagen daß ich die Leistungen dieser Frau, grade je mehr ich sie an denen Andrer messe, immer höher schätze. Es ist keine große Individualität u. es ist keine specifisch musikalische Persönlichkeit, aber es ist ein ausgeglichenes in seiner Sphäre doch vollkommen entwickeltes ernsthaft künstlerisches Wesen u. das ist doch gar so selten.
Theure Frau Schumann, der Brief ist einen Tag älter geworden ohne daß er mir würdiger vorkäme weggeschickt zu werden, u. doch soll er fort damit Sie wenigstens meinen Dank für Ihre gar so lieben Zeilen erhalten. – Von uns hätt ich Ihnen nur noch gern was erzählt wenn mir was der Mühe werth schiene. Heinz war fleißig u. machte neue Lieder von denen ich mir einbilde daß sie Ihnen ein bischen gefielen, ich schick sie mal Fillu die sie Ihnen vielleicht singt. Das Quartett da<ß>s der gütige Joachim hier u. in Berlin spielte war eine große Freude. Viel Glück zu England das ich beneide, möchten Sie rechte Befriedigung dort daran finden Andre zu erfreuen Sie Glückliche u. ihnen das Beste zu geben was es giebt. Und kommen Sie nächstes Jahr um so ausgiebiger zu uns nach Leipzig. Frau Frege die durch eine Grippe verhindert war am Brahms Conc. theil zu nehmen besuchte ich heute u. fand sie besonders lieb u. milde. Der Professor hat auch eine selten gute Periode u. rührte mich neulich nach dem Concert durch seinen herzlichen Antheil. Die alte Platzmann ist lustiger denn je, sollte neulich der Königin Carola vorgestellt werden u. freute sich darauf wie ein Schneekönig, wüßte sie daß ich Ihnen schriebe was packte sie mir für Grüße auf. Das alte Leipzig hat doch immer noch sein altes Gesicht trotz neuem Concerthaus das beinah fertig u. recht wenig schön von außen ist u. das Philisterthum wird es für’s Erste nicht los. Wir bemühen uns, uns nicht allzusehr an die Philisterei zu gewöhnen ohne doch in gewohnheitsmäßige Oppositionsmacherei zu gerathen was auch eine Gefahr sein könnte, u. das lebendige warme Denken an die wenigen Besten die man hat, Sie an der Spitze, war u. ist noch immer unser bester Schutz.
Addio Sie Einzige unsre Herzstärkung unsre Erbauung in einer Welt in die man nur halb hineingehört – bleiben Sie uns gut, bewahren Sie uns das Glück daß man Sie nicht nur verehren sondern von Herzen lieb haben darf u. seien Sie nochmals innigst bedankt von Ihrer treusten
Lisl, nebst Gatten.

Eugenie meinen schönsten Gruß u. Dank, morgen geht mit gerührtem wiederholtem Dank ein Päckchen mit den freundlichst geborgten Sachen an sie ab.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
525-529
 



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