19.12.2019

Briefe



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ID: 18591 Brieftext


Geschrieben am: Montag 01.09.1884
 

Liseley 1. Sept. 84.

Meine geliebte Frau Schumann,

Gestern hab’ ich keinen Boten erwischen können der mir einen Gruß an Sie in den Markt getragen hätte, u. Sie kriegen nun so spät meinen Dank für das gute Briefchen mit der frohen Botschaft Ihres sicheren Kommens. Wie ich mich auf Sie freue u. mich nun erst aussöhne mit den bösen sieben Bergen die uns so lange getrennt hielten, das brauche ich Ihnen nicht erst zu sagen, theure Liebe. Meinen Heinz beneidete ich neulich wie man seinen Mann gar nicht beneiden soll – zu Hofreith hab ich’s nun näher u. werde den hübschen Weg mit dem lieben Zweck ordentlich ausnutzen u. gut kennen lernen. Ich bin schon so in Angst vor dem Moment wenn Sie unser Hausl sehen! Wenn es Sie nur nicht enttäuscht, Ihr Gefallen daran wäre erst das Krongesims u. beste Zierde. Stellen Sie sich’s nur ja noch recht unfertig vor, wie es faktisch ja ist, Salon noch im Werden Schlafzimmer ebenfalls, Heinrich’s Zimmer mit einer großen offenen Wunde für den Wandschrank. Am 3. hoffe ich Sie im Triumph zu uns zu führen, entweder gleich zum Essen od. wenn das der Schwester wegen nicht geht, Nachmittags, dann aber am 4ten zu Tisch. Wie viel haben wir nachzuholen u. zu reden – Berlin vor allem das Sie nicht mehr erstaunen konnte als uns selber u. doch hatte Heinrich zuletzt das so bestimmte Gefühl als solle er’s thuen, da nichts Entschiedenes im Wege stand u. Joachim seine Hauptscrupel behoben hatte. Er geht doch nur eine Civilehe ein, kein Sacrament u. kommt einmal ein andrer fröhlicherer Wink des Schicksals so darf er ihm folgen. Einstweilen freut er sich aber doch auf diese <ja> in ihrer seltsamen Selbständigkeit ja kaum schulmäßige Wirksamkeit, u. freut sich auf die ihm bisher so karg zugemessene Freude des Verkehrs mit Musikern; in Leipzig ist er <>doch zu allein immer nur auf den guten Pappa Röntgen angewiesen u. die Sternschnuppen durchreisender Künstler. Und das Widrige in Berlin, das Cliquen u. Tratschwesen das hoffen wir möglichst von uns fern halten zu können u. schaffen uns dafür einen eigenen festen waterproof Mantel an. Ich mache freilich einen schlechten Tausch mit Berlin, aber da ich doch so gründlich mit dem Heinrich verheirathet bin kann’s mir doch nirgends schlimm gehen wo er ist. Ach wären Sie doch noch dort da wüßte ich wo ich mir „Zelte“ baute! Aber passen Sie auf nun kommen wir mal u. überfallen Sie in Frankfurt wieder u. machen innerlichen Vorrath von Sonnenwärme!
Also auf Wiedersehen, zunächst bei Hofreith!
Ihre alte liebende
Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Liseley
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
532ff.
 

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