19.12.2019

Briefe



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ID: 18592 Brieftext


Geschrieben am: Montag 22.09.1884
 

Liseley 22. 9. 84.

Theure geliebte Frau Schumann,

Ich komme mit der Bitte dass Sie uns einen Band Briefe nach Hosterwitz-Pillnitz Villa Krohn schicken möchten wo wir, ehe wir nach Leipz. zurück kehren, 6 bis 8 Tage beim Vater sitzen werden u. recht hübsch Zeit zum Lesen haben. Mit diesem Bande bin ich fertig u. kann nicht sagen, mit welchem Vergnügen ich ihn gelesen u. wie eigenthümlich anregend mir solch eine Biographie in Briefen erscheint. Meiner Schwester geht es gradeso ich las ihr einige neulich vor u. sie war so gespannt auf mehr, dass sie sich gleich wieder zu mir einlud auf Rindfleisch mit Reis (ganz wie Ihr Robert!) u. Schumann Briefe. Man liest sie mit wachsendem Entzücken u. wenn man anfänglich, trotz vieler schöner u. interessanter Einzelheiten sagen darf: Freudig empfangen wir diesen im Puppenstand wie bald fühlt man daß er uns „überwächst an mächtigen Gliedern“ u. daß er ganz der Schumann ist den wir in andrer Gestalt so gut kennen u. lieben. Und wie rührend ist es, ihm durch diese Briefe als Mensch so nahe zu rücken, – ich kann nicht sagen, wie dankbar ich Ihnen bin Sie Liebe Theure daß Sie uns diesen Einblick vergönnt und daß wir so das Bild des verehrten Mannes „avant la lettre“ u. ehe Tausende die Gunst durch das gedruckte Wort mit einem theilen, kennen lernen u. uns zu eigen machen dürfen. Auch die Briefe der Mutter las ich mit vielem Interesse u. las sie alle, u. finde daß sie den doppelten Werth haben, einen für diese tapfere warmherzige u. kluge Frau direct einzunehmen, so wie indirect als Folie für die Briefe des großen Sohnes, die sich von Anfang an so wunderbar abheben u. ein<en> so vornehmes Gepräge haben zum Gegensatz mit jenen die bei allen individuellen Vorzügen der Mutter doch alle kleinen Schwächen der damaligen Zeit Breite, Geschwätzigkeit u. eine gewisse Gefühlsseligkeit nicht verleugnen. Während bei Ihm, auch wo er noch ganz unter dem Einfluß J. Pauls steht, ein vorwärtsdrängender Zug, <>ein Hinweisen auf die spätere Reife, ein „drüber stehen im drinstehen“ sich kund giebt u. uns nie im unklaren drüber läßt was blos zeitlich daran ist u. was unvergänglich. Wie reizend z. B. wenn er gegen Flechsig „von den unverdauten Brocken J. Paul“ spricht die sie hie u. da wieder ausspeien. Wie fesselnd sind die Briefe in denen er zuerst sich bewußt wird dass er nur zum Künstler taugt, u. wie spricht das alles für sich, Brief auf Brief ein wachsendes crescendo das keiner Commentare bedarf! – Wir sind ganz glücklich mit unsren Briefen u. ganz stolz daß Sie sie uns geben. Wenn wir wirklich dazu beitragen könnten Ihnen die Arbeit der Herausgabe zu erleichtern, wie froh wären wir, d. h. der Heinrich; wenn er nur wirklich alles Nöthige dazu mitbringt! Einstweilen glauben wir noch an den Traum! – Schließlich ein Geständniß: die Heftfäden die die Briefe zusammen hielten habe ich durchschnitten u. zwar aus lauter Angst u. Respekt vor dem Manuscript denn es war absolut unvermeidlich daß beim Blättern die harten scharfen Fäden nicht Löcher in das dünne oberflächlich gefaßte Papier rissen dadurch ist keine Unordnung entstanden die Blätter liegen unverändert der Seitenzahl nach übereinander, nur der Zerstörung ist Einhalt gethan. Ich habe mir nun ein paar Buchbinderdeckel bestellt die so construirt sind daß man ein Convolut in so einen Deckel hinein kneift, die Hefte sind dann verbunden ohne gebunden zu sein u. sehr geschont. Wie sehr u. wie wehmüthig gedenken wir Ihrer bei diesen himmlischen Herbsttagen! Daß Sie sie doch hier mitgenießen könnten, die wunderbare Klarheit u. Durchsichtigkeit der Luft ohne jene Herbheit u. Schärfe die während Ihrer Anwesenheit dem Herbst verfrüht so in’s Handwerk pfuschte, von dem wir jetzt nichts spüren. Aber Sie freuen sich der Schönheit in Ihrem lieben Garten wohl auch u. haben das Vergnügen dazu, daß es Ihr Garten ist den die Sonne bescheint, wie wir hier in unserem guten Gründl.
Leben Sie wohl für heute Sie liebe gütige Freundin, wie dankbar wir Ihrer gedenken u. alles dessen was Sie wieder mit u. ohne Willen uns gaben, das denken Sie nicht, denn Ihrer größten Wohlthaten sind Sie sich nie bewußt. Sie war gar gut die Hofreith-coda in herbstlich milder Unterdominanten-stimmung! Aus Berlin hören wir nichts u. wissen gar nicht wie wir uns in Leipzig mit dem armen BachVerein benehmen sollen, es ist recht peinlich! Hoffentlich erfahren wir unser Schicksal doch bis 1. October! Wir trennen uns schwer von hier aber doch wohl am 26, 27ten – Mutter Schwester Kinder u. Haus, viel Liebes auf einmal dem man Ade sagt u. das man so jung nicht wieder sieht. Schreiben Sie mir bitte eine Karte hieher ob ich einen Band Briefe in Hosterwitz erhoffen kann u. wie Sie die Reise zurückgelegt u. ob Sie wirklich nach Eisenach gehen, wir hätten solche Lust wenn es unsres Wackelzustands wegen nur vernünftig wäre. (Möglichenfalls sind wir ja in Leipzig gar nicht so fix nöthig aber wir wissen eben nichts!)
Viele Grüße den lieben Töchtern u. Empfehlungen meiner Mutter der Sie’s so sehr angethan, – wir küssen in alter, immer neuer u. immer innnigerer Liebe Ihre
Hände
als Ihre getreuesten
Herzogenbergs.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Liseley
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
534-537
 



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