19.12.2019

Briefe



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ID: 18594 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 23.10.1884
 

den 23. Oct. 84

Liebe gütige Freundin

Wie undankbar muß ich Ihnen erscheinen. Und doch hat mich der Gedanke an Sie u. alle Ihre Berchtesgadener u. Hosterwitzer Güte kaum einen Augenblick verlassen u. mitten durch unsern Einrichtungstrubl hier u. der eben beendeten Fahrt nach Goettingen (Rittmüller!) u. Berlin (Hildebrand!) sehnte ich mich immer danach Ihnen zu schreiben. Die Briefe wenigstens den ersten großen Stoß wollte ich noch vor meiner Abreise expediren aber die gewünschte u. endlich bestellte Mappe wurde mir erst gestern bei der Rückkehr gebracht. Heute wollte ich eben das Paket machen als mir einfiel daß es <nicht> doch zweckmäßiger sei, Sie zu fragen ob Sie nicht vielleicht wünschen daß Heinrich die Manuscripte mit Anmerkungen durchschösse, über das was seiner Meinung nach auszumerzen sei? Bei der ersten Durchsicht hat er dies unterlassen in der so sichren Hoffnung es in Frankfurt, mit Ihnen vereint arbeitend, nachholen zu können. Leider sehen wir nun daß wir diesen Winter doch nicht loskommen denn mit Berlin steht alles in weiter Ferne u. keinesfalls (dies ist das einzige Bestimmte!) wird Heinrich vor Herbst 85 dort gebraucht. In Folge dessen lag keine Möglichkeit vor, den BachVerein aufzulösen, wir sind also bis ins Frühjahr hinein wie alle Jahre an Leipzig gebunden. Dies einzusehen u. uns damit zu befreunden hat uns Mühe gekostet; wir schwebten schon quasi in der Luft u. hatten uns in die Idee verliebt diesen Winter als Intermezzo betrachten u. genießen zu können u. uns höchstens in freier Imitation des geliebten Themas: c es c h zu ergehen! Aber „seht, so geht es Bäumen die im Winter träumen!“ nicht schneeweiß wie der Jasminenstrauch, sondern schwarz bepudert von Leipziger Ruß sind wir wieder aufgewacht u. nun heißt es halt, brav aushalten, and make the best of it we can.
Freitag 24. Theuerste liebe Frau Schumann Gestern kam ich nicht weiter durch vielerlei Besuch unterbrochen, heute danke ich Ihnen beschämt für Ihre lieben Zeilen die mich so sanft mahnen; rasch will ich nun an Beantwortung jedes Punkts u. an eine neue Frage gehen. Zunächst was Ihr Spielen hier anbelangt: das Gew.haus projectirt 3 aufeinanderfolgende Abende um den Saal nach allen Seiten hin zu produciren u. zu prüfen, ein Abend 9te Symph, ein andrer Messias ein dritter Solo mit Orchester. Morgen sehe ich Pappa Röntgen u. frage ihn wegen genauem Datum – es ist sehr komisch daß Sie für den 17. sich vorbereiten u. die Signale dies Datum nicht erwähnen. Ich schreibe gleich morgen <> eine Karte mit genauer Berichterstattung. Mich wundert auch daß nur ein Concert mit Sololeistungen stattfindet u. doch Joachim nebst Ihnen engagirt wurde, – sie sollten nicht alle ihre Atouts auf einmal ausspielen scheint mir! Nach dem Concert-Triumphirat soll zum Ausruhen der erschöpften Kräfte eine 3 wöchentliche Pause stattfinden u. dann wieder ein kleines Concert im alten Gewandhaus (damit man zum „Vergleichen“ durch die dichte Aufeinanderfolge nicht zu sehr angeregt werde.) Eben war der Hoboist Hinke da; er glaubt daß der Tag des Eröffnungsconcerts noch nicht fest bestimmt ist nun morgen erfahr’ ich’s ja. Der neue Saal wird weniger Menschen fassen als man glaubte, da der Raum für’s Orchester anfangs zu knapp bemessen war; nur 1 400 Pers! In folge dessen giebt es kein billigeres Abonnement für Unbemitteltere, was ich recht traurig finde es kostet 50 M. für 12 Concerte. Das verschließt vielleicht grade den Besten im Publikum den Eingang. Nun aber muß ich Ihnen erzählen daß wir in Berlin mit A. Hildebrand (welcher dort eine Ausstellung seiner Sachen veranstaltete) fast nur von Ihnen gesprochen haben u. er den brennenden Wunsch hat Sie zu modelliren. Er hat mir aufgetragen es Ihnen zu schreiben u. Sie zu bitten ihm Gelegenheit dazu zu schaffen; wenn Sie nicht ganz sicher sein sollten im Frühjahr nach Italien zu kommen, so will er nach Frankfurt u. sich auf so lange Zeit als nöthig ist frei machen um Ihre Büste (er träumt etwas Reizendes Größeres mit Ihren Händen auf der Claviatur!) zu vollenden. Falls Sie nicht nach Florenz kämen nur in Terracotta, aber gemacht muß es werden u. ich bitte Sie nun in seinem Namen, sagen Sie ob Sie u. wann Sie Zeit dazu hätten. Extra-Sitzungen würde er weniger beanspruchen als Sie ruhig anstarren u. arbeiten zu dürfen während Sie spielen, u. seine Augen glänzten als er sich diese „Arbeit“ vorstellte. Sie müssen mir auch ganz aufrichtig schreiben wie Sie sich’s denken ob Sie ihn gerne bei sich aufnehmen würden wodurch es ja erleichtert würde „die Zeit wahrzunehmen“ u. auszunützen u. um welche Zeit Sie über etwa 14 Tage hintereinander verfügen zu können glauben. Anfg. Dec. kommt er nach Berlin um dort abzuschließen u. eventuell würde er dann vor od. nachher nach Frankfurt kommen. Von uns ist nichts Neues zu berichten in Berlin ist wie gesagt Meeresstille ob ihr eine glückliche Fahrt folgt steht dahin. Wir nehmens ruhig, Heinrich arbeitet fleißig die Wohnung ist lieb u. behaglich die Freunde gut u. so dürfte trotz Gewandhaus-Chor u. BachVereins Nöthen es noch eine Weile fortgehen ohne daß wir klagten. Wie gut haben wir’s alle die unser Brod mit Lächeln essen, ja (wie ich jetzt um den Herzmuskel zu stärken!) 5 Hammelcotletten zu Tisch essen müssen; von der Noth des armen Kirchner der an dem Pudorschen Conservatorium mit 50 Mark monatl. Besoldung sitzt u. hungert, werden Sie gehört haben. Sie haben glaub’ ich wenig Grund ihm gut zu sein u. von einem Menschen der mit seinen Gaben u. allem sonst im Leben so schlecht gewirthschaftet kann man sagen daß solches Unglück ihn nicht unverschuldet trifft, aber jetzt ist entschieden die<> Noth größer als die Schuld, u. er nimmt sich zusammen wie Einer der sich überwunden fühlt. Mein Mann war von seiner Haltung ergriffen als er ihn kürzlich in <Berlin> Dresden besuchte u. faßte innerlich den Plan den glücklicher Weise schon vor ihm Andre angeregt hatten u. dem er nur zu seiner Verwirklichung zu helfen hatte. Hoffentlich hat die Sammlung ein recht schönes Resultat, Stockhausen bekam den (recht ungeschickten) Entwurf zu einem Aufruf, die Fassung muß entschieden geschmackvoller werden, Heinrichs viel Würdigerer (besonders das falsche Citat ist gräßlich!) wurde nicht benützt.
Leben Sie wohl für heute, sagen Sie mir ob ich die lieben Briefe gleich schicken soll oder wir erst dran arbeiten sollen. Die nach Hosterw. gesandten haben mich zum Theil aufs Tiefste gerührt, die aus Endenich am meisten natürlich, die an Verhulst, zum Theil so reizend, stehen schon in den Davidsbündlern. Wenn Sie hier sind reden wir darüber wie sich am Ende doch unser Zusammenarbeiten an den Briefen verwirklichen ließe, Heinrich wünscht es sich heiß aber er meint er wäre doch eigentlich recht überflüssig dabei, Sie könnten alles allein am Besten. Auf Ihr Hiersein freuen wir uns unsäglich, merken Sie sich’s daß wir vom neuen Gew.haus so nahe sind u. überhaupt viel näher der Stadt als wir dachten u. schenken Sie sich uns so oft Sie können. Unser neues Klav. kam heute an, wie bete ich daß es Ihnen nicht mißfalle, es ist nicht groß im Ton aber sehr weich u. klingend glaub’ ich.
Ade, Liebste Theuerste bitte um ein Wort wegen Hildebrand der Dienstag zu uns kommt u. dem ich was Gutes sagen möchte. Seine Büsten haben in Berlin ungeheuern Beifall u. er scheint überhaupt einen schönen Erfolg dort zu erleben.
Von Herzen Sie u. die Töchter grüßend u. Ihnen ganz u. gar ergeben
Lisl.

Ist’s wahr daß Brahms eine IV. Symph. hat?

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
540-546
 



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