19.12.2019

Briefe



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ID: 18595 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 02.11.1884
 

Leipzig 2. Nov. 84

Verehrteste Frau Schumann!

Hier ist das gewünschte Document, das nicht nur vor Gericht sondern auch bei jedem Vertrage etc. volle Gültigkeit hat. Ich behob es im selben kleinen Zimmerchen und höchst wahrscheinlich auch beim selben Küster, wo einstens Ihr Vater das Erscheinen einer Tochter angemeldet hat. Wenn man denkt, wie rasch sich Menschen und Schicksale verwandeln, hat es etwas eigenthümlich Ergreifendes, das Stillstehen des äusseren Schauplatzes zu erleben und zu fühlen. In einem Augenblicke stand die ganze ungeheure Entwicklung dieser kleinen Clara Josephine vor mir, und erfüllte mich mit stärkster und lebhaftester Dankbarkeit. Ich habe nun das Recht, mich auch Ihren Taufpathen zu nennen, und will in Zukunft recht auf Sie passen! Um nun zum Nächstliegenden überzugehen: Sie sind für den 18. Dez. eingeladen, und zwar in’s neue Gew.Haus. Mit Hildebrand stieg ich dieser Tage im neuen Musiktempel herum, und hatte an der Disposition und Form der Räumlichkeiten meine Freude. Über den Klang hört man natürlich die verschiedensten Urtheile, jenachdem ob der Hörer ein Optimist oder Pessimist war. Einen Grund, warum es schlecht klingen sollte, konnte ich aber weder an der Grösse noch Form des Saales sehen, gehöre also bis auf weiteres zu den Optimisten.
Wie schade, dass sich unser Plan, den November bei Ihnen in lieber Arbeit zu verleben, zerschlug! Statt aller redactionellen Sitzungen mit uns, werden Sie nun wahrscheinlich bildhauerische mit Hildebrand haben, wozu ich viel Glück wünsche. Er ist der reizendste und natürlichste Mensch, den ich kenne, und hoffen wir sehr, dass der Verkehr mit ihm die Langeweile des Stillsitzens gar nicht aufkommen lassen wird. Wie das mit uns noch werden wird, kann ich gar nicht voraussagen; ich gebe es überhaupt auf, über meine Zukunft mir irgend einen Gedanken zu bilden; bis jetzt kam Alles immer ganz anders, als wir dachten, und wir sind der reine Spielball von Kiel’s gesundheitlichen Verhältnissen. So viel steht bis jetzt fest, dass wir am 1. April unsere sehr heimliche Wohnung aufgeben, und unsere Habe nach Berlin schaffen lassen werden. Ob wir dann schon frei sein werden, oder ob im Bachverein noch Arbeit zu thun sein wird, ist gar nicht vorauszusagen, da es mir schon jetzt manchmal fraglich scheint, ob der Verein überhaupt wieder vor die Öffentlichkeit treten kann. Länger als etwa 20. Mai möchte ich aber wohl keinenfalls von Berchtesgaden fernbleiben, da der nächste Sommer höchst wahrscheinlich der letzte sein wird über den wir in solchem Maasse verfügen können. Ich will also trachten mit letztem April hier ganz fertig zu werden, dann könnten wir wirklich nach Frankfurt kommen, und Ihnen helfen. Wie gerne wir das thäten, wissen Sie hoffentlich recht klar, und dass wir nicht die Schuld davon trügen, wenn etwa nichts daraus würde!
Dann bliebe immer noch die Möglichkeit in Berchtesgaden zu arbeiten, und mit den Resultaten recht oft nach Vordereck hinauf zu steigen – oder etwa, Sie blieben die ersten 14 Tage beim Hofreit – ?? Wir wollen in 5 Wochen die Frage recht gründlich durchsprechen.
Bis dahin und immer in wärmster Verehrung
Ihr treuester
Herzogenberg

[Beilage]

Am 13. Septbr 1819
Eintausend, Achthundert, und Neunzehn
wurde dem Herrn Friedrich Wieck,
Musikus hier von seiner Ehegattin, Frau
Mariane geborne Tromlitz eine
Tochter geboren, welche bei der am 6. October ej. ac.
zu St. Nicolai stattgefundenen heiligen Taufe:
„Clara Josephine“
genannt worden ist.
Die Taufzeugen sind gewesen:
1., Hrn D. Ferdinand Schmidts, Jur. Pract. in Plauen Ehegattin, vertreten durch Jgfr Emilie Tromlitz, Cantors in Plauen16 Tochter.
2., Hr Carl Traugott Streubel, Actuar beim Polizeiamte hier.
3., Frau Johanne, Hrn. Theodor Reichel, Kaufmanns hier Wittwe.
4.,
Bescheinigt auf Grund des Taufbuchs Vol. 612
Leipzig, am 1. Novbr. 1884
Das Pfarramt zu St. Nicolai.
Diaconus Schuch.
Fr Fuchs

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
550-553
 

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