19.12.2019

Briefe



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ID: 18600 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 16.12.1884
 

Verehrteste Frau Schumann!
Ich musste mir nach den 3 Festtagen erst einmal ein Päckchen Correcturen vom Gewissen schaffen, bevor ich an den Genuss gehen durfte, Ihnen zu schreiben, und für den neuesten Beweis Ihrer unverdienten freundschaftlichen Gesinnung uns gegenüber von ganzem Herzen zu danken! Leider können wir diesem Herzen, das uns ohne weitere Besinnung in Ihre Nähe risse, nicht folgen wie wir möchten. Glauben Sie nur nicht, dass ich auf den Rang der mir vorgeschlagenen Stellung irgend ein prüfendes oder krittliches Auge werfe; ich wüsste sehr gut den Verkehr mit Ihnen, der daraus erwüchse, mit in Anschlag zu bringen, und weiss, wie unendlich gross der Werth in menschlicher wie künstlerischer Beziehung für mich sein müsste! Ich bin aber nicht frei; die Anwesenheit Joachim’s hat nicht einmal dazu beigetragen, unseren Verhandlungen einen festeren Boden zu geben, da für ein ernsteres Gespräch einfach keine Zeit vorhanden war. Ich bin also wieder auf den schriftlichen Weg angewiesen, was recht misslich ist, da er, wenn er zu einer eingehenderen Beantwortung meiner Fragen auch die Zeit fände, doch an seinem Schreibtische ganz rettungslos der sanguinischen Auffassung der Lage preisgegeben wäre. Bis zum 1. Oct. 85 habe ich mich ruhig zu warten verpflichtet; nach den neuesten Nachrichten, die mir Rudorf brachte, ist wenig Aussicht vorhanden, dass Kiel ohne sein Begehren je pensionirt würde – was soll daraus werden? Vorläufig muss ich noch mit guter Fassung alles noch so Verlockende, was sich mir aufthut, vorbei gehen lassen!
Bedauern Sie mich, liebe verehrte Frau! ich glaube ein bischen durch eigene Dummheit dahineingerathen zu sein, und brauche viel Besinnung, um mit Treue und Wahrhaftigkeit durchzukommen.
Nun habe ich wieder 3 Seiten blos von mir gesprochen, und schämte mich sehr, wenn Sie nicht stets so gütig wären! Der neue Saal, ein wahres Prunkstück, klingt denn doch ganz vortrefflich; namentlich der 3. Abend war ein sehr gelungener, die Leute hatten sich schon besser an’s Lokal gewöhnt, und der Orchesterklang liess nichts mehr zu wünschen übrig. Joachim u. die Spiess versicherten überdiess, dass man nur anzutippen brauche um den schönsten leichtesten Ton zu haben – was will man mehr! Meine Frau soll ein kleines Schriftstück abliefern, wenn die arme Weihnachtsfrau dazu Zeit findet. Was macht der Arm? Wir hören gar nichts mehr darüber, hoffentlich ist das ein gutes Zeichen!
Mit dem herzlichsten Gruss an die ganze Myliusstrasse
Ihr treu ergebener
Herzogenberg

16. Dez 84

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
566f.
 



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