19.12.2019

Briefe



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ID: 18602 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 04.01.1885
 

4. 1. 85.

Liebe, Theure,

Das ist eine gute Seite an dem bösen Leiden das Sie Aermste befallen, daß man so genau weiß was man Ihnen bei diesem Jahresanfang zu wünschen hat. Ach wenn nur all die Wünsche Aller die Sie lieben eben so viel Kraft als Wärme hätten mir wäre nicht bang um Sie, aber leider! wie wenig können wir, Einer für den Andren ausrichten u. müssen mit gebundenen Händen zuschauen wie unsre Theuersten Schmerzen erdulden u. lang über das gerechte Maaß hinaus aushalten müssen. Ich kann mir so denken, wie Sie, besonders unter der auferzwungenen Unthätigkeit, leiden, es sieht Ihnen so unähnlich, nicht zu schaffen u. dieser Schmerz überwiegt gewiß den physischen. Sie sagen gar nicht was Sie dagegen unternehmen u. das beunruhigt mich; ich möchte so gern an was Bestimmtes denken u. glauben können außer an die doch noch zu fernliegende Wirkung der milden Jahreszeit. Heinrich dankt für Ihren gar lieben Brief vom 29ten. Sie schrieben, Sie begriffen nicht daß Heinrich sich Joch. gegenüber gebunden fühle. Er meinte es nur in so fern, als er doch principiell sich bereit erklärt hatte die Berl. Stelle anzunehmen u. nun sich unerwartete Schwierigkeiten entgegenstellten, er doch nicht ohne weiteres Joachim die Sache vor die Füße werfen konnte sondern sich vorher mit ihm auseinander setzen müßte. Auf Heinrichs Brief in welchem er Joachim vorstellte daß sie sich gegenseitig wieder als völlig frei betrachten wollten kam nun ein Schreiben Jordans5 in welchem Dieser der Sache eine neue Wendung durch den Vorschlag giebt, Kiel (da man ihn mit einer Kündigung vor der Pensionsfähigkeit nicht kränken wolle) einen Urlaub auf unbestimmte Zeit zu geben, u. Heinrich als seinen Substituten fungiren zu lassen, mit der Anwartschaft auf seine Nachfolge im Amt wenn Kiel pensionnirt werde. Heinrich hat sich nun bereit erklärt auf den Vorschlag einzugehen jedoch ausdrücklich ohne die letzte Clausel der Anwartschaft, im Gegentheil unter der Bedingung absolut frei zu sein nach Ablauf der Stellvertretung, zu bleiben od. zu gehen. Heinrich sieht diesen Modus als eine willkommene Gelegenheit an die Verhaltnisse kennen zu lernen ohne sich zu binden u. meint, es hätte gar nicht besser <>kommen können, aber es frägt sich freilich, ob die Herrn drauf eingehen. Heinr. erwartet täglich die Antwort Jordans der die Sache erst vor hohe Ohren bringen muß u. von dieser hängt es dann ab, ob er in Wiesbaden ab <>oder zusagt. Nach dem eingehenden Brief eines Vorstandsherrn u. durch Ihr Zureden etc hatte Heinr. doch Lust bekommen, sich Wiesb. anzuschauen u. eben deshalb sehr energisch an Joachim geschrieben, wodurch dann der Brief Jordans veranlaßt wurde.
Ach wie so gar nichts sind doch wir Menschen wie abhängig von tausend unsichtbaren u. immer wieder verstrickt in sichtbare Fäden deren Wesen man doch nie erkennt – Glauben Sie nur, wir machen uns keine Illusionen über Berlin, erwarten nur so wenig, Beweis davon ist doch Heinr’s langer hartnäckiger Widerstand, aber da er einmal nachgegeben, konnte er sich jetzt nicht unbedingt frei fühlen, mußte ehrlicher Weise noch einmal sprechen u dann kam’s eben wie ich erzählte. – Einliegend der vortreffliche Brief P. Lindes der nicht wenig dazu beitrug Heinrichs Lust zu reizen, leider wohl vergeblich. Behalten Sie bitte für sich was ich schrieb, <> Heinr. schreibt den Wiesb. so bald er kann seinen Entschluß. – Wir haben zu Weihn. den durchreisenden Brahms da gehabt eine unverhoffte u. wirkliche Freude, da er gar gut u. wohlwollend gestimmt war, Fiedlers aus München kamen zu ihrer Mutter u. wir sahen sie öfters u. hatten heiße Kämpfe mit ihnen über eine Symphonie von Bruckner die im Theater hier gespielt wurde u. für die Levi ganz Feuer u. Flamme ist Wir aber konnten nicht mit denn über ein paar schöne Anläufe kommt der Componist (ein alter Organist von 68 Jahren u. dabei wüthender Wagnerianer!) nicht hinaus. u. ermüdet durch völlig unorganisches wütherisches Phantasiren auf seinem Orchester. Sie hätten glaub’ ich kaum einen Satz ausgehalten. Der erste fängt vielversprechend an u. bringt ein edles Thema in den Bässen das nie wiederkehrt wie überhaupt nur ein Thema im 2. Satz in fis dur wieder erscheint u. das zweite Mal in Gis. Das Scherzo geht aus A moll u. der <zweite> erste Theil schließt in C moll. So absichtlich ungereimt ist fast alles u. das müßte doch eine ganz abnorme Erfindungskraft sein die einen für alles dies schadlos hielte. Wir sind erstaunt über Levi der sonst so schwer zu haben ist. Nächstens kommt der symphonische Strudelteig in München zur Aufführung.
Leben Sie wohl liebe theure geliebte Frau, sein Sie uns gut u. glauben Sie an uns, u. helfen Sie uns brav bleiben, wo wir auch hinkommen! Ihr Segen ist ein Talismann in jeder Lebenslage.
Heinrich küßt Ihnen mit mir die Hände. Wir hoffen auch mit Innigkeit auf unser Zusammensein im Frühjahr. Wenn wir nur auch der Aufgabe gerecht werden, sonst verdienen wir die damit verbundenen Freuden bei Ihnen gar nicht.
Eugenie einen schönen Gruß. Die Gabe der Gräfin Oriolla wurde dankbar dem Uebrigen gesellt.
In alter Treue u. Ergebenheit
Ihre
Lisl

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
569-572
 



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