19.12.2019

Briefe



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ID: 18604 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 21.02.1885
 

den 22. 2. 85

Theure Frau Schumann,

Innigen Dank für Ihren guten Brief, aus dem wir zu unsrer Freude wahrnehmen daß Sie mit philosophischem Sinn Ihr Mißgeschick hinnehmen. Ich schreibe um Ihnen zu sagen daß gestern die Genoveva endlich mal wieder über die Bühne ging. Heinrich war drin, von mir, die ich nicht durfte, sehr beneidet, u. kam froh u. gerührt nach Haus, obwohl die Vorstellung durchaus keine befriedigende ist, viel weniger gut als damals unter Neumann, mit Gura der so schön als Siegfried spielte u. sang. Die Hexe gab Frau Moran die sehr beliebte Primadonna aber sehr outrirt u.
unangenehm. Fräul. Jahns eigentlich Soubrette aber in’s höhere Fach zu ihrem Schaden hinaufgetrieben mit liebevollem Bemühen aber doch unzureichend. Von gutem eifrigem Willen hätte überhaupt die Vorstellung gezeugt, sagt Heinrich, aber die Kräfte sind eben nicht ersten Ranges u. es fehlt die Einheit u. Ernsthaftigkeit die nur durch eine fest zusammenhaltende Kraft, die die Seele des Instituts wäre, möglich sein könnte[.] Stägeman fehlt die künstlerische Einsicht, er ist immer entzückt u. befolgt nebstbei das Princip möglichst geringer Einmischung, alles seinen Regisseuren überlassend, während Naumann bei keiner Probe fehlte u. die strammste Disciplin ausübte. – Heinrich hatte gestern wieder so geweint u. war so gerührt daß er mir Reden über Treue und eheliches Vertrauen bis tief in die Nacht hielt!
Neulich war ich so ganz von Ihrer Räubergeschichte erfüllt daß ich vergaß Ihnen zu sagen daß die Berliner Angelegenheit nun endlich zum Abschluß gekommen ist u. Heinrich im Besitz des ministeriellen Decrets ist, das ihn zum provisorischen Substituten Kiels ernennt mit dem Recht gegenseitiger halbjähriger Kündigung etc. Heinrich ist voll guten Muths u. voll frischen Eifers den er sich boshafter Weise mit dem Zerpflücken Jadassohnscher u. ähnlicher Lehrbücher wach erhält! Eine Formlehre obigen Professors stimmte ihn neulich so heiter daß ich behauptete, er sei ein ganz böser Mensch. Aber er sagte: nein laß mir doch meine Freude daß ich das besser machen könnte!! Heute hören wir Heinrichs GmollQuart. von Brodsky u. Genossen im Gewandhause. Versteht sich im alten obwohl nun auch Kammermusik Sonnt. Vorm. im Neuen gemacht wird. Neulich hörte ich Friedheim, den hochgerühmten, in der Kreuzer Sonate u. war erstaunt. So geistlos so ledern hatte ich mirs nicht vorgestellt; schöne Trillerketten u. gebundene Octaven das war alles was dran erfreuen konnte. Und über diesen Spieler schreibt man, als wenn er Rubinstein todt machte. Mir scheint, nur in England weiß man noch zu unterscheiden[,] im Athenaeum ergötzte uns eine vorzügliche Besprechung über die Essipoff der sie tüchtig die Wahrheit sagen während man sich hier von uns als besondre Flegelei erzählte daß wir im Fmoll Conc. von der Essipoff gespielt aus der Probe nach dem ersten Satz fortgingen. – Gott sei dank daß wenn man das Schöne einmal kennt u. liebt man das Häßliche nicht mehr vertragen kann. Heute Clara Schumann u. morgen Herrn Friedheim bewundern, das wollen wir einmal nicht lernen. Ade, Sie Liebe Theure Einzige werden Sie bald wieder gesund daß man wieder einmal hört woran man liebevoll u. mit immer wachsender Ehrfurcht glaubt u. was man so gern bekennt u. als Panier emporhält. Ethel war recht krank, ihre Hausfrau erkrankte ebenfalls u. ist sie deswegen seit gestern bei mir, aber Gottlob reconvalescent.
Ade! Innig grüßt Sie u. die Töchter
Ihre Lisl

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
576-580
 



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