19.12.2019

Briefe



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ID: 18605 Brieftext


Geschrieben am: Montag 04.05.1885
 

Verehrteste Frau Schumann!

Heute sind wir endlich nach langem Hin- und her-Überlegen zu einem Schluss gekommen, den wir jetzt Ihrer Sanction unterbreiten. Mit der Gesundheit Lisl’s geht es noch immer auf und ab; gestern z. B. lag sie wieder zu Bett. Es ist noch gar kein Verlass darauf, und würden wir die ganze Sache verderben, wenn wir unsere Reise zu Ihnen von einem so unsicheren Factor abhängig machen wollten! Wir schlagen Ihnen daher Folgendes vor: Dienstag, 12ten fahre ich allein zu Ihnen, auf etwa 8 Tage. Wir gehen die Briefsammlung durch, streichen gleich, was unterdrückt werden soll, ordnen die Briefe, und machen überhaupt das Vorhandene druckfertig. Über die Haltung der Vorrede besprechen wir uns, und auch darüber, ob es nicht gerathener wäre, jetzt rasch die vorhandene Sammlung, wenn sie auch nicht vollzählig ist, zu veröffentlichen, statt durch die weitläufigen Schritte zur Vermehrung derselben die kostbare und nur kurz anberaumte Zeit zu verlieren! Ich könnte dann das Paket gleich mitnehmen, und Härtel’s übergeben, wenn Ihre Unterhandlungen mit ihnen schon so weit gediehen sind. Was sich im Laufe des Sommers noch an mitaufzunehmenden Briefen ergibt, könnte entweder geeigneten Ort’s eingeschoben, oder als Nachtrag gegeben werden. Glauben Sie mir, verehrteste Frau, Sie tragen die Angelegenheit lange genug in sich, um rasch im einzelnen Falle entscheiden zu können! Bis jetzt hat es eben nur an dem Moment gefehlt, wo man sich zum Abschluss entscheidet. Sobald Sie die Notwendigkeit empfinden, lieber rasch als gar nicht zu handeln, werden Sie über das gesunde Tempo, das die Sache dann annimmt, selbst erstaunen!
Nur wenn Sie mich als einen Menschen ansehen, der kommt um das Manuscript zum Druck mitfortzunehmen, kann ich Ihnen, und dann schon durch meine blose Erscheinung, von grossem Nutzen sein. Ihre Wünsche, auf die es doch allein ankömmt, sind ganz klar; viel klarer, als Sie jetzt vielleicht es selbst fühlen. Eine 2te Auflage kann auch Manches bringen oder unterdrücken. Ein ganz klares Bild von der Sammlung gewinnen Sie doch erst, wenn sie als Buch vor Ihnen liegt! Das ist nur so meine Meinung, die ich Ihnen natürlich nich [sic] octroyiren will; ich bin auch, wenn Sie für poco meno mosso eingenommen sind, zur Hülfe nach besten Kräften bereit! Dann reicht aber die Zeit meines Aufenthaltes, die an den Wunsch des Arztes, Lisl so bald wie sie reisefähig ist, in Landluft zu bringen, gebunden ist, selbstverständlich nicht aus; wir müssten dann meine Anwesenheit zu Feststellung allgemeiner Grundsätze bei der Auswahl der Briefe benützen; was Sie mir dann zur Bearbeitung anvertrauen wollten, könnte ich Ihnen bis gegen Ende Juni nach Frankfurt zurücksenden. Allerdings geht dann für Sie in jedem einzelnen Falle wieder dieselbe alte Qual an, vor der ich Sie so gerne bewahrt wissen möchte! Es ist uns kein Opfer, sondern eine Freude, Ihnen helfen zu dürfen! Glauben Sie nur nicht, dass die kurze Trennung bei uns irgend in’s Gewicht fällt; dies ist gar nicht der Rede werth! Vielen Dank für die Freude am 17. April in Berlin! Ich sass im Publikum und freute mich ganz incognito. Dass ich auch Ihnen incognito geblieben, that mir sehr leid; Sie waren schon fort, als ich das Podium bestieg, um meiner Begeisterung Luft zu machen. Ihrem Sohn Ferdinand trug ich Grüsse auf, da ich, Sie am folgenden Tage aufzusuchen, keine Möglichkeit mehr hatte.
Lisl küsst die <>Hand; sie schreibt selbst noch.
In unwandelbarer Verehrung Ihr
Herzogenberg

Zeitzerstr. 49 4. Mai. 85.

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
580ff.
 



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