19.12.2019

Briefe



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ID: 18606 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 06.05.1885
 

Verehrteste Frau Schumann!
Das sieht Ihnen wieder einmal so ähnlich, dass Sie gar nicht merken, wie sehr ich mich drum reisse, Ihnen bei dieser Arbeit behülflich zu sein! Sie ahnen gar nicht, was mir das sein muss, Ihr Vertrauen zu geniessen, und mit Ihnen vereint die rührendsten und schönsten Reliquien durchzugehen. Stammen sie doch von einem über Alles geliebten Meister, der meine eigene Jugendzeit ausschliesslich erfüllt hat; dem, wenn auch nur bei dieser wehmüthigen Arbeit, persönlich nahe treten zu dürfen, einem tief wurzelnden Bedürfniss meines Herzens Erfüllung gibt. Es ist die Pilgerfahrt eines im Übrigen recht unnützen Jüngers – wer frägt dann danach, wie viele Schuhe er unterwegs zerreisst, oder ob er am eigenen Sohlleder gekaut hat? Haben Sie je gehört, dass die Muttergottes von Mariazell sich um die Wallfahrer mehr bekümmert als dass sie lieb und freundlich mit ihnen ist, ihnen ihre Sünden abwäscht, und sie mit einem kräftigen feingedruckten Gebetlein wieder ziehen lässt? Im Gegentheil: sehen Sie sich einmal die Schatzkammer dieser Dame an! Wenn Sie noch ein Wort darüber verlieren, so zwingen Sie mich, ein wächsernes Bein oder gar eine goldene Kuh mitzubringen! Der lieben braven Fillu sagen Sie bitte, dass die Sache mit dem Retourbillett wohl nicht gehen wird. Die haben ja doch blos 3 Tage Giltigkeit? Ich weiss schon nicht, wie sie das selber anfangen will, da sie Freitag früh abreisen <>will, und doch nicht noch Sonntag Mitternacht wieder zu Hause sein kann! Oder gibts Billette, welche längere Giltigkeit haben? Dann wäre die Sache allerdings sehr praktisch; sie muss sich’s aber ausrechnen, als Eisenbahntochter, und muss nachdenken, ob ich mit ihrem Billett vom Freitag am Dienstag, 12. Mai nach Frankfurt fahren kann. Für die Rückreise ginge es ja auf jeden Fall, da ich mich in Leipzig höchstens 1 Tag aufhalten würde, blos um meine Frau in Watte zu wickeln. Ob’s aber überhaupt vernünftig wäre? (dass es lieb ist, empfinden wir sehr) Das soll Lisl selbst entscheiden; sie ist mir eben heimlich durchgebrannt, um etwas Luft zu schnappen, drum kann ich’s nicht mehr mit ihr durchsprechen. Ich fahre also Dienstag 735 früh, und treffe um 4 Uhr ein. Wie sehr ich mich darüber freue, dass Sie auf meine Auffassung unserer gemeinschaftlichen Aufgabe einzugehen scheinen, will ich Ihnen, wie noch vieles Andere, mündlich sagen!
Mit besten Grüssen
Ihr treu ergebener Herzogenberg

6. Mai 85

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Leipzig
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
582f.
 



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