19.12.2019

Briefe



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ID: 18608 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 30.09.1885
 

Berlin W. Kurfürstenstr. 87. 30. Sept. 85.

Meine geliebte Frau Schumann,

Am 24. December ist Weihnachten, gestern Abend traf aber schon eine solche Bescheerung bei uns ein, daß wir das Gefühl hatten das Christkindl wäre da u. hätt’ sich einmal im Voraus das Vergnügen machen wollen, fröhliche Menschen zu sehen. Ich kann Ihnen sagen, Sie Liebe, es war unser erster wirklich ganz vergnügter Moment in Berlin, den Sie uns da bereitet haben; ich saß schon in meinem Stübchen bei der Lampe, als Marie mit den Worten in’s Zimmer trat: „ein kleiner Diener sei draußen angekommen u. ich müsse was unterschreiben“, – ein Diener, sag’ ich von wem denn? „na ein hölzerner“ sagte sie darauf, „so ein hübsches Tischchen u. eine große Kiste außerdem“ u. lacht dazu über’s ganze Gesicht da das gute Ding sich immer freut, wenn ihre Herrschaft was kriegt „aus München kommts“ fügt sie hinzu u. nun wußt’ ich Bescheid, das war die von Ihnen <> in Ihrem Brief vom 20. angekündigte „kleine Sendung“ in die neue Wirthschaft! Nun flogen wir hinaus in die Küche, Heinrich voraus, dann ich, dann Marie, jedes bewaffnet mit Hammer, Stemmeisen u. Zange aus Heinrichs Werkzeugslade flugs herausgeholt, u. nun gings an ein ungeduldiges, lustiges hämmern u. Nägel ausreißen u. endlich, trotz aller Ungeduld, bedächtiges Auspacken u. losschälen der zarten Gegenstände aus ihren Seidenpapierhüllen u. dem in Profusion sie umgebenden Heu – als sich die erste Tasse entpuppte, da hätten Sie Liebe, Gütige unser Ah der Freude u. des Wohlgefallens hören sollen u. wie sich’s immer steigerte als nun gar sechs der reizenden Dinger zum Vorschein kamen u. das allerliebste Brettchen dazu! Nun kam aber die zweite Ueberraschung: ein kleiner Seitenverschlag in der Kiste, aus dem ein zweites Kistchen herausgehoben ward, mit Marie’s Weisung in Dinte schön drauf geschrieben – rasch war das leichte Deckelchen abgelöst u. das Zauberkesselchen stand ausgezogen, glitzernd u. putzig, in seiner ganzen Schlauheit u. Hübschheit vor unsern Augen da. „Das ist ja das originelle Ding wie es ähnlich bei der Moritz zu sehen wa[r]“, schrie Heinrich, aber wie reizend ist dies! Und nun hatte mittlerweile Marie auch den „Diener“ von seinem schützenden Gerüst befreit; sauber u. nett, dienstbeflissen u. adrett, dabei vornehm seine Abstammung von alten Eichen in seinem Holzgeflader documentirend, stand er da; gleich beluden wir ihn mit dem neuen schmucken Geräth u. trugen ihn fein vorsichtig in’s Eßzimmer – u. da steht nun die Bescheerung, ein Zeugniß Ihres feinen Geschmacks, ein Zeichen Ihrer lieben Freundschaft, ein neuer Beweis Ihrer unglaublichen, aber so lieblichen Schenkseligkeit, Sie liebe theure Frau. Ein bischen zanken sollten wir wohl eigentlich, daß Sie sich nicht Genüge thuen konnten u. es wieder gar so überflüssig schön sein mußte, aber es will mir nicht recht gelingen – zu viel Freude haben Sie uns gemacht, u. wäre es weniger schön, es <> erinnerte nicht so an Sie u. an Ihr Haus, wo auch alles so harmonisch ist wie dieses „Schumanneckchen“ nun bei uns! Ueber die feine anmuthige Zeichnung der Tassen kann sich der Heinrich gar nicht beruhigen, es wär’ das Hübscheste was ihm seit lange vorgekommen sagt er, u. beschlossen ist, daß ich nun zur Holländerin werde und diese Tassen immer nur selber wasche, wofür ich mir heute ein kleines würdiges Badewännlein anschaffe! Heut zum afternoontea weihe ich das Wunderkesselchen ein, u. freue mich schon darauf wie ein Kind. Genug, Sie sehen daß Sie Ihren Zweck erreicht haben uns Freude zu machen u. daß Ihnen wieder einmal etwas „gelungen“ ist, Sie Künstlerin! Von Berlin möchte ich Ihnen nun erzählen u. weiß nur nicht recht was. Ich habe noch nicht das Gefühl hier zu sein, oder überhaupt in einer Stadt, sondern in einer weitverzweigten Provinz u. es kommt mir vor, als führe ich noch in dem Zuge der mich auf der bestimmten Station erst absetzen soll. Genug „angekommen“ ist mir nicht zu Muthe u. gemüthlich auch nicht, u. das Märchen vom Prinzen der auszog das Fürchten zu lernen fällt mir oft wieder ein wenn ich <>von einem Pferdebahnwagen auf der Leipzigerstraße ausgespieen werde u. nach drei Besorgungen schon das Gefühl von oben u. unten Nord u. Süd Breite u. Länge gänzlich verliere, zweidimensional wie ich nach Heinrich’s Behauptung nun einmal angelegt bin. Der Magdeburger Platz ist mein einziger Trost, den erreiche ich u. die kleine Marie leicht u. rasch u. so weit kennen wir uns aus u. freuen uns dort über den lustigen Markt mit den so viel billigeren Preisen als in Leipzig! Ueberhaupt materiell gehts uns nur fast zu gut: die Wohnung ist wunderschön, luftig, groß u. äußerst bequem u. es ist mein bester Moment wenn ich nach langem herumlaufen in der <>durch ihre Entfernungen so beleidigenden Stadt, zurückkehre in die behagliche sympathische Wohnung. Heinrich hat wieder einmal Recht gehabt nicht zu sparen damit u. das zwar große Opfer zu bringen u. lieber will ich mir das viele Geld sonst wo ersparen, z. B. an meiner Toilette die bekanntlich ja so extravagant ist, oder keine Bücher kaufen sondern die alten fleißig lesen was ohnedies das Beste ist was man thuen kann! Die Collegen haben wir alle besucht, d. h. ich nur ein paar, aber ich hatte grade genug noch hat mir keiner gefallen, Adolph Schulz etwa ausgenommen der mir furchtbar mißfällt! Wie bedauerlich daß dieser halb(?) gebildete Mensch im Directorium ist, das hätte Joachim nicht thuen sollen. Ich dachte lebhaft an die Fillu u. ihre Leiden vor Jahren bei diesem hamburgischen „Humor“! Spitta’s Nachbarschaft genießen wir aber sehr, bei diesem Menschen erlebt man keine Enttäuschungen sondern immer nur was Gutes dazu, er wird auch immer liebenswürdiger u. freier möcht’ ich sagen mit den Jahren, aber leider nicht gesünder u. macht uns sein Befinden u. seine hochgradige Nervosität rechte Sorge. Mit Ihrem Bruder liebe Frau Schumann hatten wir leider Pech; Heinrich besuchte ihn zuerst absichtlich allein um das bewußte Gespräch einfädeln zu können er war aber mit der Frau im Begriff auszugehen u. es kam zu nichts ordentlichem u. als wir zusammen wieder hingingen, trafen wir die Frau mit ihrem niedlichen Jungen u. einem bildhübschen kl. Schumann auf der Straße – also wieder nichts. Gehe ich od. Heinrich nun noch mal hin so sieht es fürcht ich zu tendenziös aus – oder nicht? Ich thue es gerne, denn mir liegt selbst so viel daran mit den lieben u. feinen Menschen die überdies den Vorzug haben Ihnen nahe zu stehen auf guten Fuß zu kommen.
Morgen ist Heinrich’s erster Schultag, <> Aufnahmsprüfung, er ist bei bestem Humor durchaus nicht imponiert von seinen Collegen u. hofft mit Succo etc das was er für gut hält in allem Frieden durchzusetzen. Mit Joachim hatte ich die große Freude schon einmal zu musiciren, er ist dabei gut wie ein großer Neufundländer mit einem Pintsch u. der Pintsch thut sein Möglichstes nicht ohne Trauer daß Stromian sein College ist! Joachim sagte uns gestern Sie kämen also bestimmt nicht her ich sollte aber noch einmal bohren u. bitten aber ich fürchte leider das hilft nichts mehr wenn Sie zur Heinr.’schen Symphonie da wären, Sie wissen wie überglücklich uns das machte, es wär ein Ehrentag für Heinrich u. in Frankfurt denk’ ich wirds doch nicht gemacht – vielleicht entschließen Sie sich doch noch! Der Weg von Leipzig hieher ist ja so kurz u. Sie könnten sich ja Ruhe dazwischen gönnen – geht es absolut nicht? Wie freue ich mich daß Sie Vertrauen zu der Büste haben, grüßen Sie unsern lieben lieben Hildebrand schön, ich schreib ihm nächstens auch daß er hier nicht alles fahren lassen soll Joachim ist sichtlich gekränkt darüber u. wir wollen auch gekränkt sein, u. unser Fremdenstübchen ist so nett, aber leider nicht so groß wie ich hoffte, das große Zimmer mit dem Kämmerchen haben wir uns selber genommen. Ade! Ade! für heute Heinrich möchte selber noch danken für Ihr Geschenk, Sie Liebste aber ich fürchte er kann heut noch nicht, er hat viel zu thuen so nah vor der ersten Schlacht, morgen! Grüßen Sie Marie die all das Hübsche gewiß mit aussuchen half u. Eugenie die hoffentlich recht erholt ist u. seien Sie aufs innigste geküßt auf beide Hände u. so viel Sie sonst gestatten
von Ihrer treusten
dankbaren
Lisl.

Ihr lieber guter Brief, einer der ersten die wir hier bekamen war uns ein solcher Trost, in der ersten öden Zeit, ich hätte gleich gedankt, aber es waren die schlimmsten Tage u. ich dachte immer die geheimnißvolle Sendung käme u. ich könnte gleich meine Bekanntschaft mit ihr vermelden. Gottlob hören wir nun Besseres aus Bukow, der rührende Engelmann schrieb selber einige Mal u. durch die Bezold höre ich oft, aber welche Zeit hat der arme Mann wieder hinter sich!

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
605-610
 



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