19.12.2019

Briefe



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ID: 18609 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 30.10.1885
 

30. Oct. 85. Berlin W. Curfürstenstr 87.

Theure Frau Schumann,

Gestern erst erfuhr ich den Tod Ihres armen Bruders. Ich weiß man mußte dem so schwer Leidenden die Erlösung wünschen u. Sie thaten es gewiß u. doch wenn sie eingetreten fühlt man nicht minder den Schock – es ist doch immer so ernst u. so traurig, das alte Sterben u. wir Lebenden gewöhnen uns an den Vorgang nicht. Wenn es nun gar einen Bruder betrifft so erschüttert es uns doppelt u. wenn auch kein besonders inniger Zusammenhang bestand, u. man im Leben manchesmal vielleicht veranlaßt war dies zu beklagen, – der Tod verwischt solche Erfahrungen u. man empfindet allein daß man Jemand verloren den man Bruder nannte u. mit dem <man> einen schon um Dessentwillen tausend Fäden verbanden, die nicht zerrissen werden ohne herbem Schmerzgefühl. Der Arme! ich wüßte gerne, ob er ein schweres Ende hatte, wie es eigentlich bei der Natur seiner Leiden zu befürchten war. Manchmal hilft aber ein Lungenschlag über die Qualen eines langes Kampfes hinweg.
Ich habe Ihnen gestern die Symphonie geschickt die uns Brahms gütiger Weise zum Trost dafür daß wir <S>sie nicht so bald hören eine Zeitlang anvertraut hatte. Leider hab’ ich nicht halb so viel wie ich gewollt davon profitirn können, ich habe meinen alten, ach sehr alten, lieben Vater hier, der mich viel braucht, mir jeden Brief dictirt etc so daß ich wenig Verfügung über meine Zeit hatte. Aber große Freude hat uns dennoch die Symphonie gemacht u. eine täglich wachsende Bewunderung abgerungen. Mit den drei folgenden Sätzen haben wir uns viel rascher befreundet, wie mit dem ersten bei dem wir, wie Sie wissen, mit dem fast überwuchernden Reichthum des Details auf Kosten des Gesammteindrucks zu schaffen hatten. Beim Scherzo störte mich anfangs die unliebliche Derbheit des Hauptthemas aber man söhnt sich gar bald aus u. wird ganz gefangen genommen von der Fülle reizender u. geistreicher Musik die sich daraus entwickelt u. von dem Brio des ganzen Satzes. Wenn Sie mal einen Augenblick für uns über haben schreiben Sie mir wie es alles klingt – grade beim Scherzo erwarte ich mir sehr viel davon – u. welches Ihr Eindruck überhaupt ist. Ich weiß Sie auch werden schwelgen bei <>der getragenen E dur Variation des letzten Satzes. Und welch ein gewaltiger u. pathetischer Zug in diesem Stück, gleich die paar Thematakte welche zwingende Kraft üben <S>sie aus. Doch ich muß schließen, liebe theure Frau. Nur sagen will ich noch daß Fiedler heut die Fotografie Ihrer Büste gebracht – ich kann mir denken wie gut sie ist obwohl die Fotografie nur eine schwache Vorstellung giebt. Im Frühjahr also Florenz Sie Glückliche! u. die Glücklichen!
Ade! Seien Sie aufs innigste umarmt meine Liebe, Liebste, u. denken Sie manchmal in frohen Stunden Ihrer treuen
Lisel

Heinrich grüßt, er ist sehr fleißig an der Schule u. noch mehr für sich u. äußerst zufrieden, ich somit auch.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
610-613
 



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