19.12.2019

Briefe



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ID: 18610 Brieftext


Geschrieben am: Montag 13.09.1880
 

Hosterwitz-Pillnitz. 13. September 80
Theuerste Frau Schumann,
Es ist mir ein Kummer, daß ich nicht genau weiß wo meine Gedanken Sie heut an Ihrem Festtage, der für uns alle einer ist, aufzusuchen haben. Ich addressire auf gut Glück nach Aussee wo ich Sie am Liebsten wüßte u. küsse Ihre lieben Hände in Glaube Hoffnung u. Liebe, denn ich glaube an Sie wie der Fromme an die Heiligen, ich hoffe für Sie alles Beste was Erd’ u. Himmel spenden, u. ich liebe Sie mehr, als Sie’s je brauchen u. verwerthen können! Gerne erführe ich wieder etwas Weniges per Karte über Ihr Ergehen u. die Gestaltung Ihrer Pläne. Berchtesgaden beglücken Sie hoffentlich nicht mehr mit Ihres Anblicks Trost – u. ich brauche mich deshalb weniger über die Ungefälligkeit des Herrn Hofinstrumentenfabrikanten Schramm in München zu ärgern, welcher, nachdem ich ihm mitgetheilt, daß ich auf Ihre Bitte den Flügel noch stehen lasse, mir kurz u. bündig schreibt, er wünsche ihn zum 18., an welchem Tage die Musikschule wieder eröffnet wird, zurück zu haben Fräulein Marie giebt mir hoffentlich dabei keine Schuld, ich hatte Herrn Schramm die Sache so nett dargestellt u. dachte er würde sich überglücklich schätzen, daß seinem unbedeutenden Klavierchen solch Ehre wiederfahren solle – aber er ist ein Esel der nicht einmal wie der Bileams reden kann denn seine garstige Antwort auf meine hübsche Bitte, ließ er mir höchst unorthographisch durch einen Bediensteten ertheilen. Von den lieben Vordereckern hört ich leider noch nichts u. komme mir hier recht abgeschnitten vor von allem was die Freuden unsres Sommer ausmachte; wie schön muß es jetzt in den Bergen sein bei dem Herbstwetter; jeder herrliche Sonnenuntergang den wir hier erleben macht uns wehmüthig, obwohl die Sonne, das muß man gestehen, in der Ebene ihre schönsten Stückeln spielt u. eben so glänzend instrumentiert als in Berchtesgaden, wenn sie, wie zuletzt <>jeden Abend, den hohen Göll nach scheinbar eingebrochener Dämmerung mit warmem rothen Schein übergießt. Als wir neulich durch Salzburg fuhren empfand ich wieder die unvergleichliche Schönheit u. Bevorzugtheit dieses Orts, der Berge u. Ebene hat u. in dem alles sich so groß u. unbeengt entfaltet – <>Als hätte der Geist Claude Lorrains über diesen herrlichen Gefilden geschwebt so wunderbar stylvoll weht einen die Landschaft an – u. wäre es nicht gar so <>warm dort, in Salzburg müßte man leben. Doch ich muß enden u. habe nur noch grade Zeit genug, Sie im Geiste zu umarmen – d. h. zu bitten daß Sie Ihre lieben Arme um mich breiten u. auch daß Sie öfter freundlich unsrer gedenken. Heinrich sendet auch innigste Segenswünsche zu dem hohen Tage u. ich bin in alter Treue
Ihre Lisl Herzogenberg.

Eben kommt (ich schrieb dies vor dem Frhstück) Fillus Briefchen, mit der Nachricht Ihres Einzugs in B. an! Also doch! Und nun grämt die fatale Klaviergeschichte u. unser Telegramm das Sie sich nicht erklären konnten. Ich hoffe noch Sie behielten es doch u. telegrafirten selbständig an Schramm.
Grüß Gott! Ich freue mich Sie in unsrer lieben Wohnung zu wissen.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Hosterwitz-Pillnitz
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
464ff.
 



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