19.12.2019

Briefe



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ID: 18611 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 17.12.1880
 

17. Dec. 80. –

Theure Frau, Ich darf wohl die Karte einstecken um Ihre freundlichen Worte etwas ausführlicher zu beantworten, obwohl die eigentliche Frage kaum von uns zu beantworten ist, denn wie sollte uns das Dmoll Concert nicht reizen, u. doch, um den Preis des Es dur v. Beeth. wärs zu theuer erkauft! Beethoven von Ihnen zu hören geht mir über Vieles in dieser Welt, u. als ich zuletzt das G dur von Ihnen hörte, hätte ich mit Clärchen sagen mögen, Musik hat keine Freuden mehr auf diese – wie gesagt, nur mit Beidem wäre uns geholfen; aber muß ich wählen so wähle ich doch Es dur. Die Symphonischen Etüden u. Brahms G dur Sonate sind herrlich gewählt u. beglücken uns sehr. Als ich meinen Brief neulich schloß fiel mir selber auf, daß ich Ihnen so wenig von Brahms erzählt, aber ich war so schon so geschwätzig geworden, daß ich nicht noch einmal anfangen wollte. Wir sahen ihn in Berlin nur einen Abend bei Spitta u. den drauf folgenden bei Joachims wo er mit Joachim die Ungarischen spielte, die mir aber 4 händig viel besser gefallen, so herrlich auch manche Melodie besonders die pathetische aus E moll auf Joachim’s Geige klingt. Nach dem Hochschulen Concert waren wir in großer Gesellschaft bei Joachim vereinigt u. saßen ein langes Souper ab. Joachim brachte einen Toast auf Brahms aus, den dieser in warmherzigen Worten beantwortete, er war mir in dieser Eigenschaft ganz neu, nämlich als Toast-Ausbringer, u. wir waren ganz überrascht wie hübsch er das machte. Am 7. fuhren wir mit Brahms von Berlin ab u. dieser blieb noch bis zum Nachmittag des 8. bei uns, leider nicht als unser Gast, da Frln Hartenthal noch bei uns war. Er war besonders lieb u. gut u. spielte uns die Ouverturen noch einmal vor, sowie zwei Gesänge der Frühe von Schumann die uns, ich muß es bekennen, noch unbekannt waren, u. die uns ganz hingerissen haben, er spielt sie aber auch mit besondrer Hingebung. Sie sind gewiß schon recht für Weihnachten in Anspruch genommen Sie liebe schenkselige u. schenkbegabte Frau, ich habe leider noch gar nichts vorbereiten können da meine unerträgliche Schlaflosigkeit fortdauert. Ich führ’ ein Leben wie ein Murmelthier u. vermeide jede Aufregung – selbst Soiréen <>bei Frau Seeburg schlage ich als zu erregend aus! (Brahms erzählte uns ein paar lustige Geschichten aus Aussee die reizend carakteristisch sind!)
Leben Sie wohl alle drei u. lassen Sie sich die lieben Hände dankbar küssen von Ihrer treuesten
Lisl Herzogenberg.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
467ff.
 



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