19.12.2019

Briefe



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ID: 18612 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 04.05.1887
 

4. Mai 87.

Meine liebe theure Frau Schumann

Dank für Ihre liebe theilnahmsvolle Karte, die ich gleich beantworten will, da mein Patient nebenan mich grade nicht braucht. Es ist leider alles beim Alten, nur hat sich bei der zweiten Consultation am Montag der Eindruck der Aerzte verstärkt, daß eine locale Entzündung im Kreuzbein vorliege, welche hinreichend sei, die Lähmungsartige Unbeweglichkeit des rechten Beins zu erklären. Der arme Mann kann sich im Bett nur in langsamen Windungen wie ein Regenwurm fortbewegen u. leidet trotz des so calmirenden Eisbeutels große Pein weniger vor Schmerzen als von gräulicher Nervosität in den Beinen; die eigentlich kranke Stelle ist unverändert schmerzhaft unter dem Druck, dennoch hofft der Arzt, daß sich die Entzündung, wie Lungen u. Brustfellentzündungen auch, auffange u. es zu keinem bösartigen Proceß komme, aber ausgeschlossen ist die Möglichkeit ja nicht! Gottlob ist kein Fieber da, u. Heinrichs Stimmung ist merkwürdig gut, wenigstens am Tage, in der Nacht weiß ich oft nicht, was ich anstellen soll um den Unruhigen, Gequälten Linderung zu verschaffen. Das Liegen wird ihm zur Pein da die rechte Seite gar nicht mitrechnet u. doch kann u. darf er noch nicht wieder auf. Wüßt’ ich nur, ob die Aerzte in ihrer Annahme – Bestimmtes sagen sie ja gar nicht aus – nicht fehlgehen, das unbestimmbare des Leidens quält mich so. Vor Wochen kann es nicht gut werden, sagte der consultirende Arzt, u. das klingt wenig tröstlich. Vom armen Franck brachte Joachim der ja grade in Hannover gespielt hatte – die traurigsten Nachrichten mit. Die Kaltwassercur die ihm wegen Ueberreizung verordnet worden, hatte offenbar den Zustand nur gesteigert u. als Joachim ihn sah war er erschrocken über sein Wesen; in der Probe zeigte er sich furchtbar erregt, wollte durchaus mitgeigen (was er gar nicht kann) u. begleitete Joachim die ungarischen Tänze so confus daß dieser, nur um ihn nicht noch mehr aufzuregen, sie mit ihm zu Ende spielte. Daß er nicht im Concert dirigiren dürfe, stand gleich fest, aber mit Mühe brachte Joachim es ihm in seiner Wohnung bei, „er müsse sich schonen“; er gab nach, aber am Concertabend ging er der armen Frau8 durch u. mußte am Eingang mit Gewalt aufgehalten werden, da er stürmisch forderte daß man ihn einlasse um zu dirigiren; eine peinliche Scene spielte sich da ab, die gar keinen Zweifel mehr über den Grad seiner Krankheit zuließ, – u. nun sitzt der Unglückliche <>wirklich in der Heilanstalt Ilten bei Hannover, u. die Aerzte scheinen den Fall sehr ernst zu finden – Doch genug für heute, gleich kommen die Blutegel die an die kranke Stelle gelegt werden sollen, ich schreibe noch als P.S., welche Wirkung sie gehabt. Innigen Dank für Ihre Liebe! Sie Theure.
Ihre Hände küssend
Elisabeth

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
648ff.
 



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