19.12.2019

Briefe



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ID: 18613 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 18.06.1887
 

Teplitz, Kaiserbad. 18. 19. Juni 87.

Nur ein rasches Zeilchen der Erwiederung auf Ihren Brief, theure Frau Schumann, bis ich zu eingehenderer Mittheilung Zeit finde. Meinem lieben Mann geht es schon viel viel besser als damals wie ich zuletzt schrieb, <>wir verließen Berlin am 6. mit unsrem Stubenmädchen da wir wußten daß wir im 2. Stock hier wohnen würden u. gewärtig waren daß wir, wie es auch der Fall ist, sie sehr brauchen könnten. Der Umweg wenn wir von hier nach Berchtesg. fahren ist ja auch nicht erheblich. Einen Diener mitzunehmen hatten wir also keine Veranlassung, wir ließen nur einen in Berlin am Coupé stehen u. bestellten einen ebenso hier um Heinrich beim Ein u. Aussteigen behilflich zu sein. Ihr Ferdinand in seiner viel größeren Hilflosigkeit war wohl genöthigt einen Begleiter zu haben, der Arme kann sich ja nichts selbst thuen der rechte Arm ist ja so gut wie nicht vorhanden – da muß er doch jemand neben sich haben. Er schickte wie er uns erzählte, jetzt den mitgenommenen Diener wieder nach Hause u. nimmt einen ihm schon bekannten Hiesigen an. Er wohnt uns grade gegenüber, viel wohlfeiler wie wir, die wir etwas in Verzweiflung über unsre 30 Fl wöchentlich (für ein großes Wohn- u. ein winziges Schlafzimmer, wo grad nur die Betten u. der Waschtisch Platz haben) <>Für’s Mädchen zahlen wir noch 5 Fl. Das Ausziehen wurde uns nur durch die Bedingung erschwert 8 Tage zuvor zu kündigen u. so lang mein Mann so hülflos war legte er zuviel Werth darauf in selben Hause Wohnung u. Bäder zu haben. Das Zimmer Ihres Ferdinand ist dagegen sehr preiswürdig, u. macht, denk’ ich mir, der Wirth ihm Vorzugspreise, weil er schon wiederholt dort war. So hat er auch den Vortheil bei bekannten Leuten zu sein. Ich kann nicht sagen wie uns weich ums Herz wird; wenn wir Ihren armen Sohn so im Fahrstuhl sitzen sehen, den jungen hübschen Menschen u. in solcher Verfassung! mein Mann sagte neulich man schäme sich ordentlich, sähe man so etwas je zu klagen über eine kleine Heimsuchung wie die Seine. Es bekümmert uns daß wir so wenig für Ihren Sohn thuen können, man kann ihn so schwer zu etwas Gemeinsamen auffordern da er nur im Fahrstuhl, wir nur in der Droschke irgend wo hingelangen können, wo man sich gern vereinigen würde; wir wollen uns aber in der nahen Probstau mal zusammenfinden, auch mit Hauptmans da es Ihrem Ferdinand sichtlich wohl thut wenn <er> ein wenig seine Einsamkeit unterbrochen wird. Wie ist der Arme zu beklagen, u. Sie, liebe theure Frau, wie muß Ihnen erst das Herz dabei bluten. Ein schweres Kreuz das Sie da wieder tragen, u. könnte man wenigstens baldige Heilung erhoffen, aber leider scheint ja die Wirkung dieses Bades bei ihm auch nur immer <für> kurze Zeit vorzuhalten! Günstig erscheint es mir, daß Ferdinand dies Jahr einen andren Arzt hat (da sein früherer gestorben) ein neues Auge sieht oft schärfer, Aerzte die einen Patienten zu lange haben gewöhnen sich manchmal zu sehr an den Zustand u. sinnen nicht eifrig genug auf dessen Hebung. Auch wird der Arzt der Ihren Sohn jetzt behandelt außerordentlich gerühmt. Er machte eine Wundercur an einer durch Gelenkrheumatismus fast dem Tode verfallenen, gänzlich contrakten Dame die seitdem nie wieder eine Mahnung gehabt. Heinrich nahm Anfangs einen ganz überraschenden Aufschwung, fühlte sich, wohl auch durch den Genuß der Luft der ihm bis dahin versagt gewesen, wie umgewandelt; jetzt haben wir wieder einen kleinen Dämpfer bekommen, auf der Höhe konnte sich das Wohlgefühl auch kaum in so kurzer Zeit erhalten. Er hat wieder vermehrte Schmerzen, besonders im Arm u. krampfartige Zustände in der Rippengegend im Ganzen aber ist der Fortschritt doch so groß besonders in der Fähigkeit zu gehen – zeitweis fast ohne Stöcke! – daß wir nur Grund zur Dankbarkeit haben. – Durch das unausgesetzte an der Luft sein ist meine Schreibezeit einzig auf die Badezeit meines Mannes u. die kl. darauf folgende Ruhepause beschränkt. Ich erachte das Luftbaden für <> ebenso wichtig wie das Wasserpritscheln und so treibe ich ihn immer gleich hinaus, wo wir dann bis zum späten Nachmittag herumschlendern, gehen, sitzen, lesen, essen u. trinken. Also viel faullenzen, aber das ist hier Pflicht über die ich andere vernachlässigen muß. Der gestern Ab. angefangene Brief kommt denn auch heut erst fort liebste, verehrte, mit der Bitte mich auch wissen zu lassen wie es bei Ihnen, vor allem mit Eugenie geht, für die ja etwas recht Erholendes geplant wird, nicht wahr? Gehen Sie wieder nach Franzensbad? Wir hoffen ½ Juli schon in der Liseley zu sein u. Sie kommen im August nach zu unsrer Freude, denn dies Jahr werden wir es genießen können, so hoff ich zu Gott. Wie freue ich mich daß Ihnen das Trio so gefällt, auch uns steht es weit über den zwei Sonaten so schön die auch sind u. scheint uns mit das Bedeutendste was Brahms geschrieben. Eine fast Athem versetzende Knappheit u. dabei ist alles gesagt; welch eine Fülle des Ausdrucks, wie einzig das seltsam vorbeihuschende C mollsätzchen, wie lieblich das Andante, wie packend u. leidenschaftlich der Schlußsatz mit seinem aufregenden 2. Motiv. Ja, da haben auch wir aufgejauchst [sic] vor Freude daß der Verehrte wieder etwas so unbedingt Schönes hervorgebracht. Bei der Cellosonate hab ich nicht so das Gefühl sprudelnder Kraft, u. die Theile stehen sich gegenseitig nicht so zu Gesicht. Die Violinsonate ist aber sehr harmonisch u. der 2. Satz von absonderlichem Reiz, nicht wahr?
Glauben Sie denn an das Märchen von einer Oper die B. schreiben soll, u. zwar mit dem uns so unwahrscheinlich dünkenden Süjet? Ich glaube es ist eine von ihm veranlaßte Mystification! Er führt ja so gern aufs Glatteis u. läßt einen dann verblüfft stehen.
Leben Sie wohl für heute Theuerste, mit innigem Gruß auch vom Heinz
bin ich in alter Treue
Ihre alte Lisl

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Teplitz
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
650-654
 



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