19.12.2019

Briefe



Rückwärts
	
ID: 18616 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 23.09.1887
 

Heilanstalt Neuwittelsbach 23. Sept 87.

Meine vielgeliebte Frau Schumann,

Haben Sie keine Angst, ich schreibe Ihnen keinen langen Brief nur danken will ich für Ihren letzten Gruß aus München u. das Brieflein aus Bad. Baden. Und erzählen will ich daß es leider gar nicht hübsch bei uns geht in den letzten Tagen. Der furchtbar grelle Umschwung in der Witterung wird wohl Schuld dran sein, daß nach dem guten Aufschwung dessen wir uns schon erfreuten dieser klägliche Rückschlag sich einstellt. Heute kann er nur mit großer Ueberwindung u. Schmerzen einen Fuß vor den andren setzen, u. wie soll bei so geringer Bewegung ein so hergenommener Körper die gehörige Wärme erlangen! Die so streng vorgeschriebenen gymnastischen Uebungen werden dadurch auch fast unmöglich, draußen zu sitzen ist nur kurz um die Mittagszeit, wenn grad die Sonne scheint, zulässig – welch ein kümmerliches Leben führt mein armer Kranker also in den kalten Zimmerchen jetzt, u. wie muthlos macht mich das in Hinblick auf die nothwendig kälter u. kälter werdende Jahreszeit! Geh.rath Ziemssen kommt erst 1/2 Oct. von ihm erwarte ich entscheidenden Rath, ob wir hier ausharren sollen oder wärmere Gegend aufsuchen, fast scheint es mir unmöglich, das hiesige Clima in Kauf zu nehmen wenn ich auch noch so Günstiges von der hiesigen Behandlungsart voraussetzen will. Liebe theure Freundin ich bin recht sehr verzagt heute, wie thäte mir Ihr lieber warmer mütterlicher Blick wohl! Wie hab’ ich Sie schwer fort gelassen, neulich u. was hätt’ ich drum gegeben, ein Recht zu haben Sie zu halten? Leider hat alles Liebste u. Beste auf Erden nur kurze Dauer u. kaum hat die Sonne geschienen sitzen wir wieder in trauriger Dämmerung da. Ich hoffe recht, es kommen bald bessre Tage, ich fühle mich jetzt gar nicht gewaffnet einer Folge von bösen Tagen gegenüber wie diese Letzten; – der kleine Dr thut zwar so, als wäre alles gut u. kein Grund zur Besorgniß, aber ich trau ihm nicht ganz, manche seiner Aeußerungen müssen einen stutzig machen, so z. B. wenn er mir sagt wie heute: das Clima hätte auf Heinrichs Leiden gar keinen Einfluß. Das scheint mir doch unüberlegter Unsinn. Heinrich wird heute wieder gewogen das letzte Mal war eine Zunahme von 3 in 16 Tagen, vor dieser Thatsache sollten vielleicht meine Sorgen schweigen, aber ich kann mir nicht helfen ich sehe nicht ein wo ich jetzt Muth u. Zuversicht hernehmen soll. Ach wären wir doch nicht schon im September, der Winter vor der Thüre ist’s der mich so schreckt u. ängstigt. Joachim hat nun die Freude mit Ihnen zu sein u. Ihr Alle schwelgt in dem Neuen u. Schönen das Euch geboten wird. Könnt ich<> einmal ein Stündchen dabei sein, solche Freuden stärken so u. lassen einen wieder zu unsrem Heil empfinden, wie viel Saiten <>das Instrument unsrer Seele hat. Nur schade! wenn Einer recht krank ist, so lassen die besten u. tröstlichen Saiten alle nach, denn die Kraft sie zu spannen ist hinweg genommen.
Nun, bessre Gott es bald u. geb uns wieder fröhlichen Ausblick. Ihnen auch, Ihnen auch, liebe Theure – ich vergesse nicht Ihre Sorgen über meine.
Grüßen Sie die Freunde, auch Brahms der in seinem Glück auf uns vergißt, er wird sich auch schon wieder erinnern.
Und seid recht froh u. seid uns gut.
Marie einen lieben Gruß
Ihnen küßt in inniger Liebe die Hände
Ihre treuste Lisl

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Neuwittelsbach
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
660ff.
 



Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten (Mehr Informationen).
Wenn Sie auf unserer Seite weitersurfen, stimmen Sie bitte der Cookie-Nutzung zu. Ich stimme zu.