19.12.2019

Briefe



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ID: 18618 Brieftext


Geschrieben am: Montag 05.12.1887
 

München Hess-str. 30. 5. Dec. 87.

Theure Frau Schumann,

Gestern früh ist mein geliebtes Mütterchen mit meiner Schwester nach Florenz zurückgereist. Sie hatte lange gezögert, weil Julia sich gar nicht von ihrer Bronchitis erholen konnte u. weil auch Mutter selbst recht unwohl gewesen u. mir mit Fieber u. starkem Husten rechte Sorge verursacht hatte. Auch wurde der Guten das Fortgehen schrecklich schwer u. sie konnte sich gar nicht entschließen uns so in unsren Elend zurückzulassen. Ich redete zu was ich konnte da der Arzt es höchst nöthig fand daß die Mutter ihr mildres Klima wieder erreicht aber beim Abschied brach mir fast das Herz u. wie sehr geht mir die liebe tapfere hingebende Mutter mit ihrer herrlichen Theilnahme ab. Sie können sich denken, wie sauer uns der Abschied ward, u. wie einsam wir uns jetzt hier vorkommen. Fiedlers sind unser großer Trost u. ihre Freundschaft u. Güte kann ich gar nicht genug loben, Mutter verliebte sich förmlich in den vortrefflichen Dr u. umarmte ihn beim Abschied! Auch Levi ist gut u. besucht uns so oft er kann, aber er ist ja sehr in Anspruch genommen. Ueber Musik sprechen u. streiten wir viel obwohl wir uns fürcht’ ich nie ganz verstehen werden, er erklärte neulich das B.sche CmollTrio für ein ödes schreckliches Stück während er Bruckner u. Tschaikowsky in seinem nächsten Programm Raum giebt – was soll man dazu sagen. In der Götterdämmerung bin ich neulich, von ihm genöthigt, gewesen, habe ohne Abspannung zugeschaut u. zugehört durch volle 4 Stunden u. war von Manchem ungeheuer imponirt; es wird mir nie eine Herzenssache werden, aber Respekt muß man vor einem so logischen Aufbau u. so meisterlich durchgeführten Intentionen doch haben. Musikalisch wird einem freilich oft übel zu Muth – Sie hätten Brechmittel in der Tasche haben müssen – aber scenisch wird man oft hingerissen. Wir sind hier in unsrer Hess-str. sehr zufrieden, genießen Luft u. Raum u. Selbständigkeit so sehr nach der langen Gefangenschaft u., denken Sie, zahlen für dies luxuriöse Leben etwas weniger als bei der Beschränktheit in Neuwittelsbach! Ich bin so glücklich daß wir Letzteres hinter uns haben, es wurde zuletzt fast unerträglich, die langweilige Kost zumal u. das ewig gleich kühle Wesen Hösslins. Wir sind froh daß Ihr Sohn sich damals nicht entschließen konnte, wir haben doch zu viel Schattenseiten der Anstalt nach u. nach kennen gelernt grade im Vorderhause: furchtbar viel Lärm, gar keine Disciplin darin bei den Dienstboten, unausreichende Bedienung (ein Stubenmädchen für das ganze Vorderhaus, Serviren u. alles!) in Folge dessen ziemliche Schlamperei, (einmal ging die Bettwäsche vollkommen aus daß mein Mann nach 3 Wochen Benützung keine neue kriegen konnte!!!) u. für all dies Unzulängliche ist die Anstalt einfach zu theuer, insonderheit haben wir gestaunt wie sehr Ziemssen wir zahlten zuletzt per Tag 20 M. u. H. konnte doch keine Bäder oder Sonstiges benutzen. sein Verhältniß zur Anstalt ausnutzt, denken Sie daß er für jede sogen. Consultation wo er einfach von Thür zu Thür geht u. ein paar Minuten bei den Kranken sitzt 20 M. uns abforderte, also für 4 Male wo er immer unerbeten eintrat 80 M. Das find’ ich denn doch unbescheiden, nicht wahr? Hier haben wir ein neuen Arzt annehmen müssen, u. waren des Zwanges froh (Stintzing konnte nicht) u. sind sehr mit ihm zufrieden, er ist das grade Gegentheil von Hösslin so menschlich wohlthuend, theilnehmend u. durch seine bloße Gegenwart wirkend u. das ist so wichtig wenn sich medicinisch so wenig eingreifen läßt wie gegenwärtig bei meinem Mann. Der Arme hat ganz schwere Zeiten durch gemacht <durch> zuletzt in N.Wittelsbach u. Anfangs hier, jetzt ist er Dank besserer Nahrung, Beeftea u. allem möglichen, kräftiger u. frischer im ganzen habitus aber das locale Leiden ist immer gleich, d. h. in der Summe gleich wenn auch jeder Tag ein etwas andres Bild zeigt, u. auf lange hin ist eine eingreifende Veränderung nicht zu erwarten. Das Leiden ist eben ein langwieriges <ist> u. dadurch furchtbar peinliches, aber an der Heilung verzweifelt Dr Schmidt ebenso wenig wie die andren Aerzte die H. behandelten. Das ewige auf dem Rücken liegen u. die Schmerzen die oft äußerst heftig auftreten quälen den Armen sehr u. die Unthätigkeit zu der er verdammt ist, am meisten. Aber dann sagt er immer wieder was ist das gegen den Kronprinzen u. so viele andre Märtyrer u. ist „stille dem Herrn.“Ihre freundliche Freundin List hat mich durch einen Besuch gerührt u. dann durch Uebersendung von Lectüre das thut sie doch nur weil Sie mir gut sind u. da<s>ß sie das offenbar weiß, hat mir besonders wohl gethan. Von Ihrem armen Sohn u. seiner fürchterlichen Heimsuchung durch die vielen Absesse hörte ich durch Fräul. List – der Arme wie gräßlich muß das gewesen sein. Kommt Ferdinand wirklich zu Ihrer Tochter? Und ist es wahr daß Sie heuer zum ersten Mal wieder nach Berlin kommen? das ist grausam vom Schicksal, lassen Sie mich lieber gar nicht wissen, wann Sie hingehen liebe Theure. Nun zum Schluß Dank für Ihren guten Brief wie hübsch daß Sie nochmals so gute Musiktage in Frankfrt hatten, denken Sie ich hab die Part. vom Concert da u. komm’ nicht dazu sie zu studiren, Heinr. sah sie sich an u. war sehr erbaut. Adieu für heute meine geliebte verehrte Frau Schumann, denken Sie an uns Verschlagene in gewohnter Güte u. Liebe, wir sind so tapfer wie möglich aber ich bin doch jetzt oft recht verzagt u. muthlos, kann es nicht leugnen. Hab ich mich recht ausgeweint so geht es dann allemal wieder besser. Man braucht das manchmal. Meine Mutter läßt Sie innigst grüßen[,] sagen Sie Marie ihr Kragen käme mir kaum von den Schultern u. mein Mann liebte ihn heiß!
Ade! Sehr verehrt u. liebt Sie einzige Frau
Ihre treue Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
667-671
 



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