19.12.2019

Briefe



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ID: 18619 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 30.12.1887
 

30. 12. 87.

Meine theure liebste Frau Schumann

Wofür soll ich denn zuerst danken Sie Lieben u. wessen mich zuerst rühmen. Unsere Weihnachten sind durch Ihre Güte aus etwas sehr melancholischem zu einem fast heiteren Fest geworden, Fillu, die ebenso gute wie hilfreiche, praktische thätige umsichtige u. liebevolle war gradezu ein kleiner Felsen Petri u. ich baute mein kleines Hüttchen auf sie allein u. so gelang ein bei aller Bekümmerniß doch ganz lieblicher Weihnachtsabend. Ihre lieben Gaben bildeten den nicht geringsten Schmuck unsres Tisches, Eugeniens große u. prächtige Schlummerrolle an der ich ihren exacten u. subtilen Anschlag bewundere u. Ihr nur zu üppiger Wiener Bonbonkorb waren gleich ganz mächtig anzuschauen u ich war gerührt liebe Freunde daß Ihr uns nicht nur die gute Fillu gegönnt sondern die Fillu noch mit Gaben für uns bepackt hattet. Mein Mann dem schwer zu bescheeren war, da er vom Bett aus nichts übersehen konnte, machte mir die Freude im Moment als Fillu u. ich den Tisch für ihn ins Zimmer trugen wobei er die Augen schließen mußte, vor sich hin zu sprechen: ein Einziges hätt’ ich mir gewünscht, das wär’ eine recht sichere Petrol.lampe mit Ventil gewesen – u. als er die Augen aufschlug stand die Lampe da. Er freute sich so gut er kann über meine paar kleinen Geschenke u. war Gottlob nicht allzu aufgeregt.
Ueber das Lied hab’ ich wiederholt nachgedacht: Hauptsache scheint mir, den Druck von welchem die vorliegende Abschrift gemacht wurde, einzusehen. Letztere enthält mörderische Fehler u. den Hauptsächlichen consequent, nämlich auf der 3. Zeile 3. Takt der Secundaccord auf A der sich nicht auflöst; natürlich hätte Schumann das nie geschrieben; steht es also wirklich so in dem doch gewiß seiner Zeit vom Componisten revidirten Druck so kann man annehmen daß das Lied nicht von Schuman sei trotz entschieden Schumanscher Züge die es aufweist. Takt 2. auf erster Zeile der Rückseite ist natürlich auch verschrieben da muß es im Alt entweder D oder in der Begleitung cis statt d heißen, könnte man das Original nur sehen. Vielleicht könnte Herr Schnorr v. C. es uns mal schicken zum Angucken; wo würde Schumann denn z. B. je so was schreiben wie das A h C nebeneinander in der zweiten Hälfte des letzten Taktes auf der 3. Zeile der Rückseite u. von Aehnlichem complicirt Schlampigem wimmelt ja das Manuscript.
Leben Sie wohl meine liebe liebe Frau Schumann, Fillu wird Ihnen ausführlich erzählen u. besser als es schriftlich möglich ist, wie es bei uns steht, nehmen Sie daher mit diesem Wenigen vorlieb u. lassen Sie sich nur noch ein gutes ein barmherziges neues Jahr wünschen das geeignet ist die Wunden zu heilen die das verflossene Ihnen geschlagen – wie oft denke ich an Ihre arme Elise u. das liebe Kind das sie verlieren mußte u. das war nicht der einzige Kummer der Ihrem mütterlichen Herzen auferlegt war. Wer so reich ist wie <s>Sie kann so vielfach beraubt u. verwundet werden, ich hab nur ein einzig <g>Gut u. kann nicht vielerlei erleben aber freilich grad an diesem einzigen ist mir getastet u. so bin ich wohl ein armer Kerl. Ade Ade! Eugenie hört bald von Ihrer treu u. innig ergebenen Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
673ff.
 



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