19.12.2019

Briefe



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ID: 18621 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 22.04.1888
 

22. Apr. 88.

Theure Frau Schumann,

Eben haben wir so innig verkehrt mit Ihnen ohne daß Sie eine Ahnung davon hatten, ich wollte meinem Heinz eine gute Stunde bereiten u. spielte ihm die Papillons vor, die er lang nicht in der Hand gehabt hatte, u. wir waren Beide mal wieder ganz berauscht von dem lieben lieben Cyclus; welch eine holde u. vornehme Anmuth durchdringt diese „kleinen“ Stücke, welch eine liebenswürdige, übermüthige u. innige Jünglingsseele spricht aus ihnen! Ich bin immer ganz verliebt, wenn ich dies Heft aufschlage, u. habe das Gefühl, das müßte einen wieder jung machen, wenn man noch so alt würde! Sehen Sie, so giebt es schöne Momente auch in unsrem armen Leben, u. diese Freude hatten wir Ihrem herrlichen Mann zu verdanken, u. da man es ihm leider nimmer sagen kann, so wollte ich’s Ihnen wenigstens erzählen Sie Liebe Theure! Gleichzeitig danke ich Ihnen für Ihren guten lieben Brief; Ihre treue Theilnahme ist so wohlthuend, Sie glauben gar nicht, wie sehr, u. wie wir’s Ihnen danken daß Sie uns lieb haben. Ich denke viel an Wildbad, u. ob wir’s dann nicht möglich machen, über Frankf. heimzureisen wenn H. wohl genug, bis wann würden wir Sie treffen? Wir werden wohl kaum vor 1/2 Juli hier fortkönnen. Am 1. Mai ist erstmalig Eröffnung der Bandagen ein großer Moment für uns der erst sicher stellen wird ob die Heilung wirklich so normal u. gut vor sich geht wie die Aerzte glauben. Sie sind sehr mit H. zufrieden, aber er leidet immer noch sehr, in mancher Beziehung mehr denn je durch die Liegeschmerzen die an Intensivität natürlich zunehmen; liegt der Arme doch schon fast 7 Mon. immer auf d. Rücken. Am 1. kommt ein Gypsverband u. damit hoffentl. die Möglichkeit von Lagenwechsel, in 5 Wochen etwa erste Gehversuche die furchtbar geduldsprüfend sein sollen, u. für besonders schwer nach der gänzlichen Unbeweglichkeit durch so lange Zeit! Wie froh sind wir daß Ihr Ferdinand doch solche Forschritte gemacht. Gehen Sie nach Vordereck u. wann? Irgendwo müssen wir uns sehen meine Liebe, Geliebte. Levi geht es noch gar nicht gut in seinem Canstatt, er wird von Krampffüßen geplagt. Bayreuth hat er für heuer ganz aufgeben müssen, Mottl muß alles machen. Der arme Spitta hat auch wieder Urlaub nehmen müssen u. geht mit Frau u. Tochter nach Montreux, die Nerven sind ganz caput bei ihm. Wie viel gesunde Menschen giebts eigentlich auf der Welt? An den armen Kaiser kann man ohne Herzweh gar nicht denken, welch eine Tragödie spielt sich da wieder ab: Unser armes junges deutsches Reich, wie viel Stürme muß es bestehen u. wie bange sieht man manchmal in die Zukunft. Gott schenke nu<s>r Bismarck ein recht langes Leben – so lang der da ist, hat man Muth. Nun Gottbefohlen liebste Freundin, schönste Grüße an die Kinder, Ihnen küßt die Hände in treuer Verehrung u. Liebe Ihre alte Lisl. Heinrich dankt Ihnen „für Ihre rührende Theilnahme“. Er ist so gut u. geduldig! Fiedlers sind fort, wir sind jetzt ganz allein, auch unser lieber Arzt ist fort. Was macht Fillu, ich hörte lange nichts von ihr. Heinr. ist in seinem ganzen Habitus u. was die Stimmung anbelangt doch besser wie vor der Operation u. hat Gottlob gar keine Schmerzen im operirten Bein. Es grenzt an’s Wunder. Sie haben ihm doch das ganze Gelenk u. einen Theil der Kniescheibe herausgesägt! Er hat mir neulich zum Geb.tag heimlich eine niedliche Gigue componiert u. sogar abgeschrieben der rührende Mann. Erzählen Sie mal von Elise u. ob die Arme sich erholt von ihrem großen Leide. Aber Sie dürfen nimmer selber schreiben, ich mache mir sonst Vorwürfe wenn ein Brief von Ihnen kommt.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
684ff.
 



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