19.12.2019

Briefe



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ID: 18622 Brieftext


Geschrieben am: Montag 04.06.1888
 

Hessstr 30. 4 Juni 88

Meine theure liebe Frau Schumann

Ich war so beschämt als mir Fräul. List vorgestern Ihre milde Mahnung brachte aber gehen Sie nicht mit mir in’s Gericht liebe Gütige, da ich durch die heftige Augenentzündung des armen Heinrich, die, obwohl jetzt behoben ihm immer noch Schonung auferlegt, wirklich außerordentlich gebunden war. Er hatte sich dies peinliche Leiden durch das Lesen in halb horizontaler Lage zugezogen, vor dem wir schon immer gewarnt worden, <>das aber doch nicht ganz zu vermeiden war. Jetzt gehts mir eigentlich aber noch schlimmer mit der Schreibemöglichkeit seitdem wir täglich mehrere Stunden im Freien zubringen die ich also ganz streichen muß. <>Mein Tag theilt sich jetzt so ein daß ich früh um Viertel nach 6 auf der Straße bin (die einzige Zeit die ich zum Spazierengehen herausschlage) um 9 bin ich wieder zu Haus frühstücke mit m. Heinrich, besorge dann sein Waschen u. Anziehen (er hat sich aparte schlaue Kleider bauen lassen müssen mit Seitenknöpfen u. auszuhängendem Aermel weil er mit dem noch ganz steifen link. Arm sonst nichts anziehen könnte!) lese ihm ein bisl vor, dann kommt die mühselige Uebersiedlung vom Bett auf den Rollstuhl u. das noch viel mühsamere Herabtragen die Treppe hinunter (drei Personen) unten wieder der Rollstuhl in dem Heinr. ganz ausgestreckt liegt, u. in dem er dann in den Garten der Glyptothek gefahren wird, wo wir so lange er’s eben aushält, gewöhnl. von 11 bis 1/2 2 bleiben; dann kommen wir wieder nach Haus mit den selben mühsamen Proceduren u. im Rollstuhl, an den Tisch gerückt, speist der Heinrich Gottlob mit gutem Apetit. Nachm. kehrt er bald in’s Bett zurück u. ich lese ihm vor, bis die Masseuse kommt u. der Arzt, der jetzt täglich gymn. Uebungen hauptsächlich mit dem Arm vornimmt. So kommt der Abend heran u. das Abendbrod u. sehr bald wird dann Schicht gemacht; oft im Winter konnt’ ich dann (um 9[)] noch einen Brief schreiben aber jetzt bin ich von der Hitze u. auch durchs frühe Aufstehen so todt-müde daß ich mich Punkt 10 in’s Bett lege. Ich habe jetzt seit 4 Wochen Amalie unser braves Mädchen nicht mehr, sie mußte zu ihrer Schwester, so besorge ich alles allein außer was körperl. Anstrengung erfordert für die der vortreffliche Joseph eintritt. Heinrichs 2. Gipsverband ist noch immer nicht aufgewickelt wie gut die erste Enthüllung aber ausfiel schrieb ich Ihnen. Es steht nun fest, daß das Leiden keinesfalls mit Tuberkeln was zu thuen hat, die exterzirten Theile wurden microscopisch untersucht u. ergaben das günstigste Resultat, bestätigten also durchaus die günstige Diagnose die Angerer bei der Operation gleich stellte. Indessen dies sogenannte „gutartige“ Leiden, das die Aerzte eine Form von [„]Arthritis Deformans“ nennen, ist bösartig genug in seinen Folgen u. wie lang werden wir noch Geduld brauchen!! Sobald der Verband abgenommen fangen die Gehversuche an, langsam langsam u. auf Krücken natürlich, u. jedenfalls werden wir damit bis Ende Juli zubringen, dann erst eine Sommerfrische eine Cur brauchen können; unser jetziger Arzt (der bisherige vortreffliche Schmid mußte nach Reichenhall) denkt an B.-Baden wegen der vorzügl. gymnastischen Anstalten dort. H. leidet Gottlob etwas weniger von Sitzschmerzen jetzt u. sein Aussehen seine Stimmung sind so viel besser, aber sein Dasein bleibt noch für lang ein mühseliges entbehrungsreiches. Immer liegen, immer auf dem Rücken u. bei der Hitze ist schon allein schwer u. traurig! Gehen wir nach B.B. so müssen wir nach Frankf. aber wie lang bleiben Sie Theure, wenn nicht dort, sehen wir Sie jedenfalls hier, nicht wahr? Und ich freue mich schon auf Ihr liebes mütterliches Auge das wie ein Segen auf einem ruht. Wie danke ich Ihnen für Ihre beiden lieben Briefe, ach halten Sie mich nur nicht für unempfindlich gegen Ihre Güte u. Treue die mir so unschätzbar sind aber ich bin jetzt so angehängt u. kann heut nur so scribbeln weil T. Leonie Wüllerstorff derweile dem H. Gesellschaft leistet, sie ist seit 8 Tagen hier. Fillu grüßen Sie mir innigst sie soll mir schreiben wann sie etwa in Frankf. frei wird (in Bezug auf Stunden) ich würde falls m. Mutter nicht kommt vielleicht ihre Güte wirklich misbrauchen u. mir ihren Besuch ehe sie nach Vordereck geht dankbar gefallen lassen. Fräul. List hat mir schön von Euch allen erzählt auch von dem Stockh. Jubiläum an dem wir uns so gar nicht betheiligt! Aber ich konnte keine Sympathie für die Ehrengabe in mir erzeugen u. unser Geldbeutel ist äußerst schwindsüchtig!
Leben Sie wohl geliebte Theure!
In inniger Treue umarmt Sie u. küßt Ihre lieben Hände
Ihre alte
Lisl.

Haben Sie eigentlich meinen letzten ordentlichen Brief vom 31 März erhalten in dem ich von Wildbad sprach?

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
689-692
 



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