19.12.2019

Briefe



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ID: 18623 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 15.07.1888
 

Theuerste verehrteste Frau!

Ihrem Wunsche kann ich rascher entsprechen, als Sie glauben werden, da in einem unnützen Musikerkalender, der sich mit hierher geschlichen hat, das Ausführlichste über die Musikzeitungen sich befindet. Sie müssen nicht glauben, dass ich mir diese Blätter vom Herzen geschnitten habe; bin ich doch bereits Abonnent Einer dieser Zeitungen, und trage also gewiss kein Verlangen danach, mir eine Zweite auszuwählen. Die scheussliche Tactlosigkeit, welche Sie wieder einmal in Kummer und Aufregung versetzt, hat uns auf’s Äusserste empört; gar zu sehr zurückhaltend würde ich nicht auftreten, und wo die Gerichte eingreifen können, würde ich sie in Bewegung setzen, um wenigstens die Vernichtung der Auflage durchzusetzen. – Dass Sie auch dies niederträchtige Wetter haben, wie wir, ist sehr betrübend, da es Sie gewiss im Baden stören wird. Mich verhindert’s leider an den so notwendigen Ausfahrten im Rollwagen; mein Humpeln durch’s Zimmer, wobei ich von 3 Menschen unterstützt werde, kann wohl kaum als Erfrischung gelten. Wie weise hat das die Natur eingerichtet, dass die Kinder die schwere Kunst des Gehens noch vor Erwachen des Bewusstseins erlernen, sonst wären <S>sie wohl, wie ich, verzagt, und gar nicht abgeneigt, die Sache aufzugeben. Meine Frau weiss aber eine solche Atmosphäre von Courage und guter Stimmung um mich zu verbreiten, dass ich für’s Erste noch nicht locker lasse. Wohl noch im Juli gehen wir nach Wildbad, treffen dort mit den lieben Volklands zusammen, und bleiben wohl bis Anfang Sept. Als Nach-Cur wird an Baden-Baden gedacht – vielleicht wiederholen Sie heuer Ihren Herbst-Besuch dort? Möge sich’s nur jetzt recht gründlich ausregnen, damit Sie in Vordereck und wir in Wildbad ein bischen vor die Thüren können!
Unsere herzlichsten Grüsse an Frl. Marie und Eugenie! In treuester Verehrung
Ihr Herzogenberg

München 15. Juli 88

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: München
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
692ff.
 



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