19.12.2019

Briefe



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ID: 18624 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 02.09.1888
 

2. Sept 88

Geliebte Frau Schumann,

Dank für Ihren lieben Brief! Ich hätte gerne öfter berichtet aber das Leben hier war ein so demoralisirendes, ich hatte ein so kurzen Vormittag u. nach Tisch wurde nur möglichst Luft geschnappt u. ein wenig musicirt. Auch mit Bargiel den wir öfter gesehen haben. Ich spielte seine Symph. mit ihm u. erndtete sein unverdientes Lob, er war rührend freundlich u. nachsichtig u. ich habe alle Scheu vor ihm verloren. Wir haben sehr herzlich miteinander verkehrt u. ihn von neuen schätzen gelernt, auch das arme Huckebein, die Tochter die man in ihrer relativen Heiterkeit u. Unbefangenheit bewundern muß. Das arme Ding hinkt aber so jammervoll daß wir überzeugt sind sie hat nicht ganz das richtige falsche Bein, es thut einem weh zu sehen wie ihr armes Körperchen sich bei jedem Schritt verdreht ich habe nicht den Muth mit dem Vater davon zu sprechen aber vielleicht können Sie es einmal; wir alle Volklands u. Heinrichs Pfleger hatten denselben Eindruck. In Göggingen ist ein ausgezeichneter Orthopädist der von aller Welt consultirt wird Namens Hessing, könnte man den nicht zu Rathe ziehen. In den letzten Tagen haben wir mit Kummer aber Entschiedenheit den Entschluß gefaßt doch nicht <d> nach Wiesbaden zu gehen, wie wir uns schon so schön vorgenommen hatten. Natürlich wäre es dort „heimlicher“ u. vor allem winkte Ihre Nähe, ich hatte Ihnen manchen Besuch zugedacht liebe Theure; aber seit Anbruch des Herbstes den wir hier schon haben fühle ich zu deutlich, daß H. noch keinem deutschen Winter gewachsen ist. Er ist noch zu unbeweglich, könnte höchstens alle Tage (günstigsten Falls) ein Stündchen auf Krücken draußen herumschleichen den übrigen langen Tag in geheitzten Stuben versitzen – u. das kann nicht gesund sein, nicht hinreichen, ihn so zu kräftigen wie er es noch so nöthig hat. Denn leider trotz der hier gemachten Fortschritte wird es noch lange brauchen bis er sich wie ein normaler Mensch bewegt dem Schnee dem Regen dem Wind entgegen u. so ist er aufs Sitzen im Freien angewiesen u. das kann <>ja nur im Süden sein. Also zögern wir nicht <g> länger u. entschließen uns nach Nizza aufzubrechen sobald ich von dort Nachricht über eine Wohnung habe, die Volklands via Professor Gensel (?) uns sehr empfahl, eine gute heizbare comfortable Wohnung im besten Viertel u. mit angewachsener guter Köchin (PortiersFrau). Das lockt uns u. die Wohnung ist etwas billiger als unsre Münchner! Sobald es entschieden (Dr Schmid gab seinen Segen dazu) schreib ich noch ein Kärtlein. Ueber ein Sprüchlein hab ich viel nachgesonnen, aber wie schwer ist es grade auf ein Tischtuch. Folgender Vers aus Rückerts Tagebuch erschien mir recht passend, wenigstens unter hundert andren der passendste:
„Jugend hat gestreut die Saaten,
die des Alters Erndte brachten;
Wohl Euch, die Ihr jung vollbrachtet
Was Ihr alt noch gern betrachtet.“
In altdeutschen Reimen findet sich häufig Gutes aber ich hab kein Exempl. zur Hand. Julius Röntgen war einige Stunden gestern hier der Arme ist auch in Sorge um seine liebe Frau deren Lunge geschont werden muß, auch sie soll den Winter in d. Süden!
Ich muß leider schließen. Bald weiter. In treuster Liebe
Ihr altes Lisl

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
694ff.
 



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