19.12.2019

Briefe



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ID: 18626 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 09.11.1888
 

9. November 88. Nizza.

Liebe theure Frau Schumann,

durch ein Mißverständniß erhalten Sie fürcht’ ich die Brahmssche neue Sonate ein bischen später als Sie wohl gewünscht, – Brahms hatte mir geschrieben, ich würde von Ihnen die Weisung erhalten, sie nach Frankf. zu schicken u. wie er mir heute schreibt, haben Sie ihm geschrieben, uns zu veranlassen sie <> zu expediren.
Hoffentlich haben Sie das Manuscript aber doch früh genug, um <sie> die Sonate ruhig durchzunehmen, ehe Sie sie mit Joachim in Berlin spielen! Welchen Stich mir das giebt, dies hinzuschreiben, wie hart es mir ist daß Sie nun grade nach B. kommen wo wir hier sind, ich kann es nicht sagen! Aber nächstes Jahr sind wir wohl wieder dort u. dann Liebste kommen Sie wieder hin u. spielen uns die D moll Sonate mit Joachim vor – ja? Gottlob geht es ja mit meinem lieben Mann so erfreulich vorwärts u. das böse tückische Leiden zeigt sich als so absolut überwunden, bis auf die langsam zu <>beseitigenden Reste der Krankheit, daß wir keinen Grund haben, anzunehmen, daß wir nächsten Winter nicht wo wir wollen zubringen könnten. Unser lieber Münchner Arzt Dr Schmid kam auf einer Erholungstour acht Tage hierher u. war sehr erfreut über den Heinrich. Er sagt, was dieser selbst fühlt, daß er wieder absolut gesund sei; das was ihn noch plagt sind die Folgen des Leidens, also noch ein gut Theil Steifheit u. Ungelenkigkeit, das Leiden selbst aber ist abgethan u. <> Rückfälle absolut nicht zu befürchten. Im Gegentheil ist Heinrich in seinem ganzen übrigen Befinden entschieden jetzt frischer kräftiger als seit langer Zeit, sieht vorzüglich aus, u. vergleich’ ich sein Aussehen mit dem vor Ausbruch der Krankheit, wo ich mich im Stillen schon so um den Heinr. ängstigte, so bin ich überzeugt daß die Krankheit lang vor deren Ausbruch in ihm schlummerte. Ob da nicht auch die geheimnißvollen Bakterien eine Rolle spielen, u. worin eigentlich ein solcher Krankheitsproceß besteht – die Aerzte wissen es selbst nicht <recht> – u. wir Armen erst recht nicht! Schmid hatte seinen Bruder, welcher Chirurg ist, mit sich u. dieser hat dem H. eine ganze Reihe neuer sehr mühsamer Uebungen vorgeschrieben die die erstaunlichste Wirkung haben, so daß Heinrich schon in den ersten 8 Tagen die heilsamen Folgen spürte, seine Selbstthätigkeit wurde durch das Erscheinen der beiden energischen Aerzte so unendlich angeregt u. so kann ich unserem Schmid gar nicht dankbar genug für diese abermalige Wohlthat sein. Wie ganz ausreichend Nizza für H. ist, u. wie verkehrt es gewesen wäre, bei Heinrichs gänzlicher Unempfindlichkeit für climatische Einflüsse nach Cairo zu gehen, davon überzeugte sich Schmid hier auch. Wir könnten jetzt schon ohne Gefahr für H. im Norden sein, nur günstiger ist nach einem spärlichen Sommer diese sommerliche Nachfeier u. da er sich doch immer noch langsam bewegt, ist dies milde Clima eine wahre Wohlthat Aber wie viel hat er schon erreicht, wenn ich nur an die Wildbader Zeit denke, geht allein ohne Diener oder mich die zwei Treppen auf u. ab (den Ascenseur vornehm ignorirend) u. machte vorgestern mit mir einen zweistündigen Spaziergang auf dem nahen Mont Cimiez. Ich sehe, dies alles zusammenfassend, endlich wieder einen lichteren Horizont vor mir nach langer umwölkter Zeit, in der ich verzagter war als ich mir meist merken ließ, u. glaube wieder an gute unbefangene Arbeitstage, an unverkümmerten Lebensgenuß für die Zukunft! Ich weiß, Sie liebe treue Theilnehmende freuen sich mit mir, nachdem Sie so innig mit mir durch diese Ganze Zeit empfanden u. eine wahre Wonne ist es mir, grade Ihnen meine endlich wieder gewonnene Zuversicht auszusprechen. – Unser Leben hier ist sehr einförmig u. still, seitdem unsre Jüngste, die liebe Mutter, uns verlassen u. mit Julia, die 8 Tage hier verweilte, nach Florenz zurückgekehrt ist; wir kennen Niemanden hier als den deutschen Consul mit dessen Frau ich mich nur verfehle, u. so sind wir auf einander, der guten Amanda R. nicht zu vergessen der Nizza Gottlob sehr wohl bekommt Musik u. Bücher reducirt aber ich müßte lügen wenn ich behaupten wollte, daß wir uns langweilen. Der arme Heinz kommt schon vor lauter Gymnastik, Massiren Spazirengehen u. sonstigem nicht dazu, erobert sich dabei auch wieder einige Arbeitsstunden, worin der kluge Dr Schmid ihn nur bestärkte, u. ich war Anfangs durch das Wirtschaften in fremden Verhältnissen mehr, als ich mir verlangte, in Anspruch genommen. Eine Nizzaer Köchin ist ganz anders als eine deutsche u. ich mußte Anfangs immer selber auf den Markt, sollten wir etwas zu essen kriegen. Heinrichs Diener ist nur eine schwache Hülfe im Hause, u. so gab es erst etwas Plage, aber jetzt ist das Werkel im Gange u. wir werden satt u. sind zufrieden u. behaglich in einer sehr netten sonnigen Wohnung. In den letzten 8 Tagen hat uns die Brahmssche Sonate fast ausschließlich beschäftigt, wir haben ungeheure Freude an dem Stück gehabt das mal wieder ganz aus dem Vollen u. so strotzend von Erfindung, Wärme u. Kraft ist daß man seine ungetheilte Freude dran haben kann. Sie werden wie wir entzückt sein von dem Orgelpunkt im ersten Satz, eine noch nicht dagewesene Art der Durchführung, u. wie fein u. zart u. schön in der Zusammenwirkung. Der letzte Satz in seinem fortstürmenden Brio ist auch ganz einzig u. höchst fesselnd für die Spieler, wie mir scheint auch viel spielbarer, wie überhaupt die ganze Sonate, als manches scheinbar leichtere Werk von Brahms. Sagen Sie mir bitte bald Ihren Eindruck von der Sonate u. ob Sie die Bezeichnung presto non assai für das launige Scherzo richtig finden. Die Coda ist ein zu anmuthiges Ding! Wir haben ganz besondre Freude an der Sonate gehabt weil uns die letzte gedruckten Nova von B. nicht durchwegs befriedigen wollte, unter den Liedern finden wir einige ganz unangenehme von den schauderhaften Texten abgesehen, u. so ganz bedeutend schien uns eigentlich nur „im Kirchhof“. Von den 4stimmigen imponirte uns Nachtwache (die 2te) am meisten, ein herrliches Stück wahrster Chormusik das man zu hören brennt wenn man es liest.
Erzählen Sie mir bitte von den Zigeunerliedern, einige müssen sehr wirkungsvoll sein, am Schönsten sind wohl die zwei leidenschaftlichen Ersten u. das lieblich zarte Es dur auch das spassige in G muß vorzüglich wirken, eins u. das Andre wie die beiden D dur scheinen mir ein wenig Dworzakisch unbedeutend – u. mit dem Schluß kann ich mich gar nicht befreunden. Doch nun Ade für heute liebste Frau Schumann, wie wohl hat mir dies Plauderstündchen gethan! Daß u. wie wir an Ihrem Jubiläumstag zu Ihnen hindachten können Sie sich vorstellen, zum Schreiben hatte ich damals absolut keine Zeit: unsere beiden Schmids waren nicht nur da, sondern auch Julia mit den Kindern u. ich kam nicht zu Athem! Wie schön u. feierlich muß es gewesen sein, u. für Sie wie erregend bei aller Freude! Könnten aber doch viele auf solche 60 Jahre zurückblicken wie Sie Theure mit so schönem herrlichen Gewissen als Künstler u. Mensch, als Mutter u. Freundin u. Helferin! Wie viel wurde Ihnen auferlegt wie furchtbar viel Ihnen genommen u. welche Leiden blieben Ihnen erspart Sie Arme! Und doch hat Ihre Kraft u. edle Tüchtigkeit Sie durch alles hindurch getragen, die Liebe mit der Sie alles thuen Sie gehalten u. gehoben, und ungebrochen stehen Sie immer da, allen Jungen ein Vorbild u. ein geliebtes Muster. Ihre Tochter hätt’ ich sein mögen an jenem Jubiläumstage, aber ich war auch schon stolz mich Ihre Freundin Ihre Verehrerin nennen zu dürfen. Gott schenke Ihnen u. uns noch viele Jahre auf die Sie zu einem neuen Jubiläum wieder dankbar froh zurückblicken können u. erhalte Ihnen die liebe heilige Flamme der Begeisterung auf Ihrem Herde u. damit die Kraft zu wirken ohne Unterlaß.
In treuer Liebe u. mit innigem Gruß an die beiden Adjutanten
Ihre Lisl

Bitte einen schönen Gruß an Ihren Bruder und Clementinchen wenn Sie nach Berlin kommen.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Nizza
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
702-707
 



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