19.12.2019

Briefe



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ID: 18627 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 08.01.1889
 

Nizza den 8. Jan 89.

Meine theure Frau Schumann,

Innig danke ich Ihnen für Ihre lieben Zeilen vom 22. Es war gar zu gut von Ihnen so an uns zu denken u. wir sagten zu einander, wie unvergleichlich Sie darin sind daß Sie sich nicht nur wie unsereins Manches vornehmen sondern auch alles Vorgenommene ausführen, dadurch links u. rechts erfreuend u. beglückend, u. wie viel wir auch hierin von Ihnen lernen könnten, die wir nie die Hälfte von dem, was wir möchten, fertig bringen! Daß Sie immer noch zu schaffen haben mit Ihrem Arm war uns aber eine betrübliche Zeitung, die nur halb dadurch aufgehoben wird, daß Sie sagen Sie hätten der B.schen Sonate doch einige Wonnestunden zu verdanken denn wer weiß wie Sie Maaß halten müssen, u. wie schwer hält man Maaß wenn man recht begeistert ist für eine Musik! Daß Sie damals nicht nach Berlin u. die Sonate nicht mit Joachim spielen konnten hat mich in Ihrer Seele betrübt aber Sie holen ja in diesem Monat nach wie er uns schrieb, hoffentlich kommt es doch dazu. Unterdessen werden Sie die Sonate von Brahms hören – ach wie gern wär ich dabei u. wüßte genau das Tempo des 3. Satzes. Amanda u. ich hatten es uns ziemlich behaglich gemäßigt gedacht, Julius feuerte uns z. rascherer Bewegung an u. nun haben wir uns dran gewöhnt. Bitte sagen Sie mir ob Brahms den Anfang Pizzicato oder gestrichen spielen läßt, ich schrieb ihm wir seien bei der Stelle so sehr für Ersteres eingenommen auch Julius findet daß es viel schöner klingt. Wie reizend ist doch das ganze Scherzo, aber am meisten ist mir doch der liebe 1. Satz in’s Herz gewachsen mit seiner so wunderbaren Durchführung. – Mit dem prächtigen Julius haben wir eine gar gute Zeit verlebt, das Glück der beiden Leutchen nach der dreimonatlichen Trennung war rührend mitanzusehen u. am Weihnachtsabend wo er alles Mitgebrachte stolz auspackte u. seine Kinder immer wieder entzückt umschlang, dann wieder begeistert zu seiner Frau lief, die Taschen voll Geschenke, das Herz voll Liebe die Augen strahlend vor Glück – man konnte den lieben guten Menschen nicht ohne Rührung betrachten. Gottlob daß er so zufrieden mit Amandas Fortschritten sein konnte, er fand sie vortrefflich aussehend u. freute sich besonders über die 5 Kilo Zunahme eins der besten Zeichen bei einem Leiden wie das Amandas. Möchte sie es doch wirklich, wie unser Dr Schmid der sie hier untersuchte für möglich hält ganz überwinden, wie würde man sich für diese lieben ihr Glück so innig genießenden u. alles Besten so würdigen Menschen freuen. Heinrich fiel auf wie sehr sich Röntgen menschlich u. musikalisch in den letzten Jahren entwickelt hat, er ist viel bewußter u. männlicher in allem, auch in der Art wie er eine Kritik seiner eigenen Sachen entgegennimmt. Sein Spiel so wundervoll musikalisch es ist stört mich durch ein Uebermaß von Rubato das er gar nicht zu ahnen scheint. Besonders das Verlängern des ersten Viertels in jedem Takt bringt mich etwas zur Verzweiflung. Röntgens Anwesenheit war eine so schöne Anregung für meinen lieben Heinrich der hier ja sonst ganz einsam ist u. ich freute mich so, wie so ganz der Alte er wieder ist, wie er sich in Gespräch vertiefen in die Discussion verbeißen kann, wie frisch er sogar beim abendlichen Aufbleiben ist u. wie arbeitstüchtig wieder. Wäre nicht der so traurig veränderte Gang, der nachschleppende rechte Fuß, man könnte ihm kaum was anmerken. Ja wie dankbar sind wir für diese Wandlung, ach wie tief in der Noth staken wir um diese Zeit im vorigen Jahr! Heinrich läßt nicht nach in der energischen Ausführung all der ihm von Schmid vorgeschriebenen mühsamen Bewegungsübungen u. hat die stetigen Fortschritte allein seiner Ausdauer zu verdanken. Aber langweilig ist diese Consequenz! Daß Sie mit Ihrem Genchen doch wieder Sorge hatten, Sie Arme Nie Ruhende betrübt mich gar sehr, Fillu schreibt mir aber zu meiner Beruhigung daß sie doch Dank großer Schonung rechte Fortschritte gemacht hat u. sich wieder etwas zumuthen könne. Wie geht es denn Ihrer Elise u. ist sie doch etwas über den großen Schmerz hinweggekommen? Für heute muß ich schließen, man hat um diese Zeit so vielerlei zu schreiben u. auf meinem Schreibtisch sieht es drohend aus. Nächstens kommt ein Körbchen Mandarinen an da ich zu meiner Freude hörte daß das Haus Schumann auch für dies Früchtlein empfänglich ist. Ach könnten Sie einmal die Herrlichkeit hier sehen! dieses Blühen u. diese Farben u. das blaue glitzernde Meer! Grüßen Sie den lieben Dmoll-Brahms den Sie ja bald bei sich haben, wie vieles möchte ich in Bezug auf die Sonate noch fragen u. wissen aber ich fürchte Sie zu ermüden. Denken Sie manchmal an die Verbannten, die Ihnen so sehr, so ganz ergeben sind, u. behalten Sie uns lieb, Sie theure Viel verehrte u. Geliebte.
Den Töchtern alles Liebe – der englischen Fillu Gruß u. Dank für Brief.
Es küßt Ihnen die Hände
Ihr treues
Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Nizza
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
708-711
 



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