19.12.2019

Briefe



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ID: 18628 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 12.09.1889
 

Basel den 12. Sept. 89.

Meine theure Frau Schumann,

Obgleich Sie morgen gewiß 150 Briefe bekommen, will ich doch lieber die 125ste sein, als darauf verzichten, Sie an Ihrem Festtage zu begrüßen u. Ihnen zu danken, daß Sie auf der Welt sind. Wenn Sie dann in einigen Tagen Zeit u. Ruhe finden, den ganzen Stoß Briefe „aufzuarbeiten“ so gönnen Sie auch mir ein Viertelstündchen Aufmerksamkeit u. lassen Sich’s gefallen, daß auch die Lisl Ihnen sagt, wie sehr, wie sehr sie Sie liebt. Wenn ich auch durch die besondren Umstände, unter denen ich in Baden zu leiden hatte, wenig oder doch so viel weniger Sie sehen konnte als ich gewünscht hätte, ich habe jedesmal das Glück, mit Ihnen zu sein so innig empfunden, daß ich wieder wie auf einen erworbenen großen Schatz daran zurückdenke u. Ihnen von ganzem Herzen dafür danken muß. Die schöne warme Fülle Ihres Wesens ist mir wieder so beglückend nahe getreten, u. ich bin so froh darüber, weil es mich so recht in die Stimmung versetzt, die ich mir wünsche, um Ihren 70. Geb.tag zu feiern! Wenn wir ihn fern von Ihnen verbringen, so glauben Sie mir nur, hochverehrte theure Freundin, daß wir den Tag morgen nur um so andächtiger begehen werden u. uns in aller Stille so recht erfüllen können mit all den Gedanken die Einem solch ein Anlaß in die Seele legt. Wir werden daran denken, was alles an diesem Tag in Ihnen vorgehen muß, an das reiche wundersam bewegte Leben, auf welches Sie zurückschauen mit der schönen Genugthuung, aller hohen Freuden, die es Ihnen brachte, würdig gewesen zu sein u. im Kampfe mit so vielem Schweren u. Schmerzlichen, sich als ein Held bewährt zu haben! Wenige können das wie Sie: reinen Gewissens, u. mit dankbarem Aufblick nach oben für die Kraft die ihnen geschenkt ward, zurückschauen auf ein Leben wie Ihres war, ein Leben in denen Ihnen keine Prüfung erspart blieb u. in dem Sie sich jeder Prüfung gewachsen zeigten – ja, u. mit immer erneuter Kraft u. ungebrochenen Geistes als Künstlerin Zeugniß ablegten von dem ewig wahren Wort, daß denen die Gott lieb hat, wirklich alles zum Besten gereicht; denn wie es auch um Sie wetterte u. Wind u. Wellen um Sie her „ihren Weg rauschten“, Ihre liebe Kunst blühte nur reifer, reiner harmonischer aus allem hervor, u. das Gold Ihrer Seele leuchtete durch alles Trübe, das Ihren Weg beschattete, nur um so lauterer u. köstlicher. Aber das alles, liebe Frau hat Sie auch zu einem jener wenigen Menschen auf Erden gemacht, die ein Segen werden für Jeden der ihnen nahe kommt, für einen jener stillen Prediger die dadurch daß <Sie> sie sind wie sie sind, so tausendfältig wirken u. Gutes erzeugen in empfänglichen Seelen ohne es nur zu ahnen u. zu wollen.
Gönnen Sie es mir daß ich Ihnen das alles einmal frei heraussagte, für gewöhnlich behält man ja all so was für sich, aber an hohen Festtagen kann man doch mal mit der Sprache herausrücken u. einem sehr geliebten Menschen, einer unaussprechlich verehrten Frau auch andeuten, warum man sie so verehrt.
Leben Sie für heute wohl, lassen Sie sich die lieben Hände von Heinrich (dessen Glaubensbekenntniß in dem Meinen mit beschlossen liegt) u. mir zärtlichst an den Mund drücken u. möge Sie Gott uns noch lang erhalten frisch, thatkräftig u. lebensfroh, gesund u. schön!
Behalten Sie uns lieb, darum bittet Sie
Ihr treues Lisl.

Nehmen Sie den japanischen Eckensteher freundlich-nachsichtig auf; er ist es kaum werth, in Ihr schönes Haus eingelassen zu werden, er will sich deshalb auch mit einem Plätzchen im Flur zufrieden geben.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Basel
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
717f.
 



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