19.12.2019

Briefe



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ID: 18629 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 14.12.1889
 

Berlin. 14. Dec. 89. Burggrafenstr. 4. –

Meine theuerste Frau Schumann

Ich habe eine hoffentlich nicht zu unbescheidene Bitte. Ich habe bei Hausmann u. D.r H. Müller hier die Photographie jenes lieben Daguerotypbildes gesehen auf dem Sie mit Robert Schuman zusammen sind u. seit dem verfolgt es mich Tag u. Nacht u. ich habe den sehnlichsten Wunsch, es dem Heinrich zu Weihnachten mit aufbauen zu können. Wie ich höre ist das Original im Besitz der Frau A. Speyer geb. Kufferath, die ich leider zu wenig kenne um den Muth zu fühlen, mich direkt an sie zu wenden u. so merken Sie wohl schon, wo ich hinaus will. Sie Liebe sollen mir das vermitteln, wodurch das theure Bild, das so unaussprechlich rührend für uns ist, aus Ihrer Hand in Heinrich’s Besitz gelangen würde, u. doppelten Werth hätte. Wollen Sie das für mich thuen liebste Frau Schumann, so machen Sie mich sehr glücklich u. Heinrich der meinen Muth nicht hat u. das Bild für unerreichbar hält wenn man mit Frau Speyer nicht befreundet ist, wird die größte Weihnachtsfreude erleben. Wir haben wieder recht mühselige Wochen hinter uns – nur leider noch nicht ganz hinter uns. Heinrich laborirt seit Baden an einem Darmcatarrh der nicht wankt u. weicht trotz aller sorgfältigst durchgeführten Diät, alten Weine, Umschlägen, Tropfen aller Art, ruhigsten Lebensweise u. der nicht ohne Bedeutung ist weil die Ernährung dadurch nicht von Statten geht, so daß H. an Gewicht abnahm, was er doch wahrlich nicht nöthig hat. Seit einigen Tagen ist eine kleine Besserung zu constatiren aber noch haben wir Geduld nöthig. – Die Influenza forderte auch zwei Opfer bei uns, erst mich, dann unser Badener Mädchen u. so kommen wir aus dem Hauskreuz eigentlich nicht heraus. Hoffentlich steht bei Euch alles besser geliebte Frau Schuman u. Sie können sich auf das Weihnachtsfest zu dem Sie so viel Talent mitbringen, recht freuen. Aus Florenz hab’ ich recht gute Nachrichten, in San Francesco herrscht fortgesetzter Jubel über das Bubi, das alles zu verstehen scheint, u. ein mächtiges liebes Kerlchen sein soll. Die Büste meiner Mutter steht nun bei Julia u. soll herrlich geworden sein. Mutter ist sehr matt durch den strengen dortigen Winter – da haben wirs hier fast besser. Aber wie dunkel u. traurig ist meistens der Himmel. Nun behüte Sie Gott liebste verehrte Freundin, in alter Treue küßt Ihnen die Hände
Ihre Lisl.

Die arme Frau Müller ist noch immer durch den Verlust des Kindes sehr mitgenommen, sie empfindet tief u. ist so schlicht u. anmuthig.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
723ff.
 



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