19.12.2019

Briefe



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ID: 18630 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 26.12.1889
 

Verehrteste, theuerste Frau Schumann!

Ich kann gar nicht genug Worte des Dankes finden, um Ihnen einen Begriff davon zu geben, welche Freude, welche Labe und Rührung dies einzig schöne Doppelbild in mir erweckt! Wie lieb von Ihnen, einem, gewiss an sich etwas unbescheidenen, aber allzunatürlichen Wunsche meiner Frau auf solche Weise zu entsprechen! Das Bild selbst kann mir kaum mehr Werth dadurch erhalten, dass Sie es mir selber gestiftet haben; die Freude ist nur gar gross, von Ihnen persönlich für werth gehalten worden zu sein, es zu besitzen.
Als ich es diesen Herbst bei Hausmann sah, verging ich vor Neid. Was weiss auch der beste und liebste Cellist davon, was unser Einem diese lebendige Gruppe für einen Sinn hat. Ist mir’s doch, als könnte der geliebteste Meister, der mein ganzes Jugendherz erfüllt hat, zur Thüre hereintreten, da ich ihn mit einem mir so lieb vertrauten Wesen auf demselben Blatt vereinigt <steht> sehe. Dieser Eindruck ist ein so überwältigender, wie ich noch nie einen hatte. Es ist zum ersten Male die ganze, zur künstlerischen Individualität so harmonisch stimmende Erscheinung des Menschen Schumann, die voll auf mich wirkt, indem sie meiner Verehrung und Liebe concrete, menschliche Töne beimischt. Mir ist’s, als könnten Sie eben einige freundliche Worte über mich an ihn richten, und ihm sagen, dass wenn ich auch sonst ein bloser Pfuscher geblieben bin, ich doch im Begreifen und Lieben hinter Keinem zurückstehe. Es ist wirklich gut von mir, wenn ich in Einem Athem einen Vorschlag mache, der mich um das Monopol bringen muss, auf welches ich auch nicht übel stolz bin: lassen Sie, verehrte Frau, dies Bild in grösserem Format vervielfältigen! Ich bin überzeugt, dass Sie damit der Welt ein ebenso theueres Angebinde machen würden, als mit der Veröffentlichung der Briefe, Spitta (der arme liebe Kerl wurde ganz grün, als er das Bild sah) ist ganz derselben Meinung; Lichtdruck in Vergrösserung wäre das Richtigste; ich würde Ihnen hier die ganze Sorge um Herstellung und Verleger etc. abnehmen. Bitte, ziehen Sie diesen Vorschlag mindestens in ernste Überlegung! Und nun noch herzlichen Dank für Ihre freundliche Sorge um mein leidiges leibliches Wohl, und die köstliche Hafergrütze! Vorgestern hatten wir Consultation mit Gerhardt, die Gottlob nichts Schlimmes ergab. Mit Geduld und Humor hoffe ich bald wieder dem bürgerlichen Leben zurückgegeben zu sein.
Am 28. singt Stockhausen – wenigstens wurde das Concert bis heute noch nicht abgesagt. Wir freuen uns unendlich darauf, wenn es auch vielleicht nur wie eine Skizze des Früheren erscheinen wird!
Nun küsse ich Ihnen die lieben gütigen segensreichen Hände, und bitte Sie allen Ernstes mir Ihre beglückende freundliche Gesinnung zu bewahren!
Ihr
Herzogenberg.
Schöne Grüsse an die verehrten Töchter!

26. Dez. 89.

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
725ff.
 



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