19.12.2019

Briefe



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ID: 18631 Brieftext


Geschrieben am: Montag 30.12.1889
 

30. Dec. 89. Berlin W.

Meine theure Frau Schumann,

Ich kann es mir nicht versagen Ihnen auszusprechen, wie mich die Nachricht vom Tode Bendemans betroffen hat in Ihrer Seele. Weiß ich doch, wie nahe er Ihnen stand dieser alte Freund u. daß Sie ein ganzes Stück werthvoller Vergangenheit mit ihm begraben. Und wie wird Ihr Herz für die Frau mitempfinden, die schon so viel hergeben mußte! Ein trauriger Jahresschluß für Sie. So mischt sich immerfort Leid u. Freude, denn von diesen bleibt Ihnen Gottlob doch auch ein gut Theil das Sie Ihrer herrlich unverwüstlichen Kraft u. Frische verdanken. Bei Borwick Ihrem Schüler ward ich es wieder einmal recht inne, wie Sie wirken, was Sie für Früchte erndten, wie lebensvoll die Saat neben Ihnen aufschießt u. welche Freude Sie daran erleben müssen. Wir sind ganz angethan von Ihrem trefflichen Schüler5 auf den Sie stolz sein können u. Sie hätten sich auch gefreut wenn Sie den großen für Berlin außerordentlichen Erfolg erlebt hätten, den er im Stockhausen Concert hatte. Er spielte aber auch herrlich den Bach sehr meisterlich ruhig u. gesammelt, aber doch unter dem Druck einer gewissen Befangenheit, die Variationen8 aber völlig frei, rhytmisch musterhaft energisch, klar u. plastisch u. im Anschlag dabei immer weich u. voll. Wie fühlte ich Ihre Schule heraus in den vollkräftigen Accorden u. Octaven vor allem, dann im Maaß, in der klaren u. doch nirgends dogmatisch schulmeisternden Art, alles <klar> darzustellen! Hervorragend war als technische Leistung auch der Rubinstein; Barth der neben uns saß, hörte mit strahlendem Angesicht zu u. sagte es sei eine Musterleistung. Das D dur Trio von Beeth. das ich bei Levis hörte gefiel mir auch schon sehr, u. wie merkwürdig reif ist alles für die 21 Jahre! Dabei die große Einfachheit u. Bescheidenheit u. am meisten leuchtet sein Gesicht wenn man „seine Schule“ d. h. Frau Schumann lobt; man merkt, mit wie vollem Bewußtsein u. tiefer Dankbarkeit er Ihnen als Schüler u. Mensch ergeben ist. – Hätte uns nur Stockhausen auch ein klein wenig von der unbefangenen Freude gemacht – aber leider! wir hatten das Gefühl, als sänge er zu seiner eigenen Leichenfeier u. ich mußte immerfort mit den Thränen kämpfen. Für die Oeffentlichkeit ist er als Sänger todt, u. er hat Unrecht noch solche Experimente zu machen. Wir, die ihn in der Kraft u. Fülle kannten wir hören allenfalls aus den Andeutungen, denn mehr giebt er nicht, noch etwas heraus, die jüngere Generation hört nichts, höchstens die paar Sänger haben eine Ahnung, <daß> von welcher verschwundenen Pracht diese arme Ruine doch noch immer Zeugniß giebt! Früher war höchste Freiheit in technischer wie in geistiger Beziehung herrschend, jetzt die größte Unfreiheit, ein fortwährendes mühsames Schonen von Athem, von Stimme, eine Todesangst vor jedem höherem Ton, Zurückhalten sogar des Gefühles, denn Gefühl braucht Kraft – genug, es war jammervoll u. ich habe selten eine solche moralische Pein gelitten. „Eifersucht u. Stolz“ gelang noch am Besten, das gemahnte noch an den alten herrlichen Sänger – schrecklich war dagegen „Unüberwindlich“ das er früher so keck in A dur hinaus schmetterte, jetzt in G, vorsichtig u. gelähmt, mit einer Sordine in der Kehle u. einer im Herzen, andeutete. Ich habe nie ein traurigeres erschütterndes Bild der Vergänglichkeit alles Irdischen vor mir gehabt als vorgestern Abend, recht wie eine Illustration zu den Worten der Nänie: „denn alles Schöne muß untergehn.“ Leben Sie für heute wohl meine liebe Theure u. lassen Sie sich nur alles Beste zum kommenden Jahre wünschen. Heinr. hat Ihnen geschrieben wie sehr die Fotografie ihn beglückte, wir haben unsre große Freude dran. Die amerikanische Grütze schmeckt ihm sehr, aber mit diätetischen Mitteln ist da nichts zu zwingen, die Zeit wird so Gott will helfen. Ein Trost war doch daß Gerhard absolut nichts Bedenkliches an dem Zustand fand u. sogar erklärte „das sei keine ordentliche diarrhoe.“ Eines schönen Tages werde das Leiden von selbst aufhören. Gott gebe es denn peinlich bleibt es immerhin. – Morgen ist Joachim mit Borwick bei uns u. Spitta der schon sehr für ihn eingenommen ist. Alle sind einstimmig entzückt. Tausend Liebes den Töchtern. Eugenie schreibe ich nächstens u. bitte mir ihre Absolution aus. In alter Liebe Lisl

Hildebrands Junge heißt Dietrich nicht Hadubrand! Unser alter Hildebrand der Bruder kommt am 2. zu uns.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
727-730
 



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