19.12.2019

Briefe



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ID: 18633 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 12.09.1886
 

Liseley 12. Sept. 86.

Liebe theure Freundin,

Wenn ich recht was Schönes sehe, sagen wir die Sixtina, oder recht was Schönes höre, sagen wir die 9. Symph. so habe ich immer neben dem Gefühl der Beseligung auch so sehr das meiner Miserabilität u. Kleinheit u. frage mich mit Luther wie ich armer lumpiger Mehlsack solcher Gnaden theilhaftig werde. Zugleich aber auch ein solches Gefühl der Dankbarkeit für die Erzeuger so reinen Glücks u. ein fast schmerzliches Bedürfniß diese Dankbarkeit bethätigen zu können. Aehnlich wie in schönen Worten Göthe es ausdrückt wenn er sagt:
[„]In unsres Busens Reine wogt ein Streben
Uns einem Höhern, Reinern, Unbekannten
Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben
– Wir heißen’s fromm sein!
Solcher sel’gen Höhe fühl’ ich mich theilhaft wenn ich vor ihr stehe.“ Und diese Worte drängen sich mir auf die Lippe indem ich heute Sie Liebe, Höhere, Reinere (Gott sei Dank nicht Unbekannte!) recht inbrünstig an Sie denke u. mir klar mache, was das für ein seltsam liebes Glück ist, daß ich Sie kenne, Sie lieben darf, Sie im Herzen trage als eine der Besten die die Welt trägt u. mich erquicken darf an dem schönen Gedanken Gottes der in Ihnen Gestalt gewann. Es giebt so viel trübes Unharmonisches, Zerrissenes auf dieser Welt – wie wirkt da als Gegensatz, „zum ausruhen“ im schönsten Sinne des Wortes, eine so geschlossene, in sich befestigte von naiver Kraft strotzende Künstlergestalt, die Caritas in Musik umgesetzt wie man Sie nennen möchte – liebe Theure! sein Sie nicht bos daß ich mich einmal so gehen lasse – ich halte sonst zurück u. empfinde es als eine Unbescheidenheit es den Menschen in’s Gesicht zu sagen was man von ihnen hält, aber heute ist mir gar so sehnsüchtig u. zärtlich u. dankbar gegen Sie zu Muth daß ich mich nicht halten kann u. wäre ich nur bei Ihnen Sie müßten mir Ihre liebe Wange u. Ihre vielgeliebte Hand oft hergeben u. küssen lassen. Marie schrieb mir von der vorausgeahnten leider so schlimm zur Wirklichkeit gewordenen Zeit in Meran. Wie schwer wie drückend muß es gewesen sein Sie Armen in dem schönen auf den Winter berechneten Meran u. wie kurz war die Erholung in Niederdorf. Denn in München darf ich Sie doch schon vermuthen da Sie „gegen Mitte Sept“ da sein wollten. Wie gern überraschte ich Sie morgen dort, umgeben von allerlei herrlichen Angebinden u. bedeckt mit 500 Briefen zu dem dieser sich noch unbescheiden hinzugesellt! Seufzend u. doch liebevoll nachsichtig empfangen Sie den allzu reichen Segen u. denken schaudernd leise ans Antworten. Ich aber rechne auf keins nur auf ein liebes kleines Grüßen gelegentlich durch Genchen, ja? Wir senden Ihnen etwas nach Frankfurt aus Bescheidenheit weil es so frech u. schwer ist: nämlich einen Tamtam wie meiner, von mir u. der Mutter Ihnen ehrfurchtsvoll zu Füßen gelgt. Ein Abschreckungsinstrument gegen die Diebe! Mutter wollte sich durchaus daran betheiligen weil sie behauptete die Tamtams seien ihre Specialität.
Leben Sie für heute wohl liebe sehr Geliebte, hoffentlich erholen Sie sich noch bei Don Juan u. Fidelio in München u. der gute Hildebr. greift Sie nicht zu sehr an! Ade! Bleiben Sie gut Ihrer
aller getreusten Lisl.

Die aller aller schönsten Glückwünsche von Heinrich u. seiner Schwiegermutter soll ich natürlich ausrichten.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Liseley
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
623-626
 



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