19.12.2019

Briefe



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ID: 18636 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 20.10.1886
 

Den 20. Oct. 86.

Meine theure Frau Schumann,

Wie rührt es mich daß Sie mitten aus Ihren vielen Präoccupationen heraus meiner so liebreich gedenken. Welch böse Zeit haben Sie hinter sich, daß sich Eugeniens Kranksein so lange hinschleppte ist doch schrecklich. Aber dort hatten Sie die Sorge doch nicht allein – in München muß Ihre Aufregung furchtbar gewesen sein. Levi erzählte uns davon. Wir sahen ihn in den zwei Tagen mehrfach u. hatten wieder unsre wehmüthige Freude an dem prächtigen Menschen[,] es thut einem doch immer wieder weh daß man sich nicht ganz mit ihm verstehen kann, wo man es in <so> vielen <>Dingen so herrlich kann. Er ist so feinsinnig, nimmt es so ernst mit der Kunst u. ist ein so warmherziger Mensch daß man oft nicht begreift wie in so Wichtigem man so auseinander gehen kann. Er führte uns in den Kunstverein zu Ihnen u. wir hatten eine unbeschreibliche Freude an Ihrer Büste. Ich bedauerte nur, sie nicht öfter besuchen zu können denn ich fühlte schon in der halben Stunde die ich vor dem herrlichen Bildniß verbrachte wie mein Verständniß dafür zunahm u. Sie mir lebensvoller von Moment zu Moment daraus hervorwuchsen. Es geht einem dabei grade so wie mit guter Musik die auch langsam erworben werden will. Auf den ersten Blick machte mir wie immer das Material Mühe; wie wenig sind wir gewohnt, uns Menschen blos als Form zu denken, wie wirkt Farbe u. so vieles Zufällige, Ungreifbare mit bei unsern Eindrücken u. nun gar unbewegte Form wie sollen wir da gleich den Schlüssel dazu finden! So möchte ich mich entschuldigen daß ich im ersten Moment Mühe hatte meine Frau Schumann ganz zu erkennen; ihres Mundes Lächeln, Ihrer Augen holde Gewalt konnte ich nicht wieder finden u. meinte zuerst: ja die Frau konnte eben nur der Herrgott modelliren! Aber nach u. nach ging mir auf, wie vieles man bei diesem wie bei allen plastischen Kunstwerken gleichsam zwischen den Zeilen lesen muß u. Ihr Mund begann sich zu bewegen u. Ihre Augen sahen mich liebreich an u. ich empfand: besser wie Hildebrand konnte kein Mensch Sie wiedergeben u. im Bilde erhalten. Wir waren alle Drei ganz gerührt über Sie, Ihre Büste u. den lieben Hildebrand u. so dankbar in der Seele Ihrer Kinder daß so Etwas Echtes u. Schönes von Ihnen da ist. Das Häubchen ist doch jetzt auch ganz gut! könnte ich nur die Büste einmal bei Ihnen in guter Beleuchtung sehen[,] sie hatte zu starke Schatten im Kunstverein: Wie sehn’ ich mich Sie mal wieder in Frankf. zu besuchen, sähe es nicht so traurig aus bei meinen geliebten Florentinern, ich nähme mir für die Osterferien eine andre Reiserichtung vor, aber so halten wir es für unsre Pflicht, wenn es geht, unsre Menschen zu besuchen. Heute hatte ich den ersten Brief meiner Mutter von dort; sie blieb noch lange mit Julia in München, gehalten durch Örtls Gewissenhaftigkeit der meine Schwester noch ein Zeitlang beobachten wollte. Auf meine Bitten hatte sie ihn consultirt u. Oertl constatirte leider auch bei ihr einen Herzfehler! Näheres schrieben sie mir noch nicht.
Ueber Frau Joachim im Orpheus kann ich nur sagen daß es eine anständige ja vornehme Leistung war, aber ohne jede hinreißende Kraft[,] mir scheint dramatische Begabung fehlt ihr ganz. Das Spiel war grade nur angemessen, nirgends ein Moment spontaner starker Empfindung wie wir das gemeinsam bei der Reicher-Kindermann bewunderten. Das zweite Sterben der Euridice machte ihr gar keinen Eindruck, sie streichelte sie ohne jegliche Erregung. Im Ganzen hatte ich das Gefühl daß es sich dafür nicht lohnt, sich Tricotbeine anzuthuen u. wie die Frau so im ersten Act auf den Altarstufen lag, empfand ich etwas wie Schmerz in in der Seele der Töchter. Diese scheinen aber kreuzfidel gewesen zu sein u. wollen Beide auf die Bühne. Frau Herit die mich neulich besuchte ist sehr zufrieden mit Mariechen u. hält sie für begabt. Sie hat schon eine Menge Schülerinnen u. scheint guten Muts.
Ich habe eine ganz böse Zeit hinter mir d. h. nicht ganz, das Köchin suchen war schrecklich, es kam nur Ausschuß u. die ich endlich nahm, ein liebes Wesen u. gut empfohlen kann Nichts so daß ich täglich Unterricht im höheren Küchencontrapunkt ertheile, was nicht grade beneidenswert ist. Fräul. Marie wird mir das nachfühlen. Dazu gab’s große Räumerei u. Umsturz im Hause durch die neu hinzugekommenen zahlreichen Sachen aus Hosterwitz, mühsam untergebracht erfreut mich aber jetzt der liebe alte Kram sehr u. versetzt mich <> in Kinderzeit wo <> die alten Schränkchen schon grade so rochen wie jetzt. Ein Bild der Mutter auf Stein lythographirt freut mich besonders. Wie freue ich mich Ihnen dies u. Manches mehr zu zeigen wenn Sie diesen Winter herkommen, was Sie ja doch vielleicht thuen – ich verstehe zwar so gut warum Ihnen der Entschluß schwer wird theure Frau! Ach daß es doch allerwärts so Trübes Ungelöstes giebt über das man schwerer hinwegkommt als über Krankheit u. Tod! Meiner armen Schwester droht jetzt der Schmerz, ihre Kinder auf längere Zeit dem Vater hergeben zu müssen; ich weiß nicht wie die Arme das ertragen soll, denn auch ihre Kraft hat ihre Grenzen. Ich wollte sie überreden, wenn das wirklich einträte mit der Mutter her zu kommen welche Lust u. Muth dazu hätte, aber Julia zieht das Alleinbleiben vor, grade wenn ihr das Schwerste zugemuthet wird hat sie doch in sich immer den besten Tröster u. die meiste Kraft gefunden. Heinrich küßt Ihnen die Hände liebe liebste Frau Schumann. Er schreibt à capella Chöre für gemischten u. Frauenchor von denen ich leichtsinnige Fliege mir einbilde daß sie Ihnen gefallen müßten. Könnte ich sie Ihnen doch zeigen. Ueberhaupt! wären Sie doch jetzt noch in den Zelten!! Lassen Sie mich doch wissen wohin Sie überall concertiren gehen u. ob für Berlin gar keine Aussicht ist. Und dann hätte ich noch eine Bitte u. Frage: ob Sie mir das Genchen nicht mal zum Besuch schicken möchten wenn Sie mal längre Zeit fortbleiben denn daß sie dann allein als Pädagogin zurückbleibt werden Sie der Erholungsbedürftigen heuer sicher nicht erlauben. Wir haben hier draußen recht gute Luft u. ich bilde mir ein, ein bischen Abwechslung wäre ihr vielleicht ganz gut. Oder meinen Sie daß der Verkehr mit dem Bruder bei den traurigen häuslichen Verhältnissen sie zu sehr aufregen würde? Jedenfalls halten Sie meine Bitte für einige Ueberlegung werth[,] ich würde mich so freuen das liebe Wesen mal längere Zeit bei uns zu haben u. ich wollte sie wie meinen Augapfel behüten.
Ade Liebste theuerste Frau u. Freundin in innigster dankbarster Liebe u. Ergebenheit küßt Ihnen die Hände Ihre
Lisl

Die arme Frau v. Bezold ist jetzt erst mit der Mutter vom Salzberg zurück[,] war immerfort krank. Der Bruder holte schließlich das Kind. Denken Sie Brahms war vorigen Winter nicht hier, es war eine Erfindung! Sie freuen sich gewiß auch mit uns darüber. Die gute Frau Franz schrieb es mir. Die Mutter schrieb mir aus München über die Büste, da wären Worte überflüssig[,] es wäre einfach vollendet.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: o. O.
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
633-638
 



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