19.12.2019

Briefe



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ID: 18637 Brieftext


Geschrieben am: Freitag 15.01.1886
 

Berlin den 15. Jan. 86.

Theure liebe Frau Schumann,

Wie rührend gut von Ihnen, mich, trotz Ihres Leidens u. Bettliegens, nicht zu vergessen. Ihre wiederholten liebevollen theilnehmenden Grüße haben mir<> wohlgethan in den schweren Tagen u. ich werd’s Ihnen nicht vergessen, vielgeliebte Frau u. Freundin! Die schmerzliche Pflicht in Lewenhagen war doch wunderbar besänftigend, wir empfanden’s alle daß Etwas in |2–3| uns zur Ruhe kam als wir den geliebten Vater zur Ruhe gebracht; aber wie man solche Stunden aushält, begreift man selber kaum. Es war sehr feierlich u. schön in der kleinen Dorfkirche, alles so einfach u. schlicht wie man in einer Stadt, wo die Pompe funèbre ihr furchtbares Unwesen treibt, es nie erleben kann; die Kirche angefüllt mit Bauern die den „alten Herrn“ alle gekannt u. lieb gehabt, denn er war gut, der Vater, für die Seinen im engeren wie im weiteren Sinne! Die schöne Glocke die er ihnen zum Lutherfest geschenkt, läutete uns zum Trauergottesdienst u. ein Geistlicher aus dem nahen Städtchen der den Dienst für Lewenhagen besorgt, hielt eine merkwürdig feinfühlige, warme u. schöne Rede – die Bauern sangen mit reiner Stimme u. deutlicher Aussprache den Choral: [„]alle Menschen müssen sterben“ u. nichts störte die weihevolle Stunde, keine Uebertreibung keine Geschmacklosigkeit, kein bei vielen Pastoren so beliebtes frohlocken im Schmerz! Am Grabe hört Gottlob das Menschenwort auf u. mit dankbarem Herzen empfindet man die Wohlthat der für ewige Zeiten geprägten wunderbaren Worte der Schrift, immer dieselben u. immer von neuer Kraft erfüllt. Dort störte ein grausamer Acapella Gesang uns nicht – wir waren Gottlob zu traurig, um uns ärgern zu lassen, aber ich empfand bei allem Schmerz die unglaublichen „Entgleisungen“ der armen ländlich unbeholfenen Sänger u. dachte bei mir: wie seltsam complicirt ist doch der Mensch; was alles nebeneinander auf ihn wirken kann! Mein Vater ist genau an der Stelle begraben, die er bezeichnet hatte, in dem alten, jetzt nicht mehr benützten Friedhof an der Kirche unter einem alten Weidenbaum, neben einem alten Onkel. Wir empfanden das Versöhnliche u. Schöne des in heimathlicher u. eigener Erde begraben werdens – als ich eine Handvoll hinab warf wie das so Brauch ist, dachte ich: wenigstens ist’s nicht gemiethete, ist seine freundliche Heimath-Erde! Aber das sind alles kleine Gedanken u. das Sterben ist groß. Danken Sie Eugenie für ihren lieben Brief, ich bin so herzlich erfreut über jedes warme Wort guter Menschen, nur den der Phrasen macht, möcht’ ich todtschlagen! Könnt’ ich doch bald hören daß Sie wieder ganz wohl, theure Frau Schumann. Sie kürzlich von denselben furchtbaren Schmerzen wie in Berchtesg. gemartert zu wissen ist mir schrecklich. Und wie peinlich das Liegen, ohne sonstigem Gefühl des Zerschlagenseins. Stellen Sie sich meine 10 Wochen in Jena vor! Noch bin ich Ihnen eine Antwort auf eine längst gestellte Frage schuldig theure Freundin. Ich habe gezögert u. hätte gewünscht immer schweigen zu dürfen aber es geht nicht länger. Das was Sie über E. Smyth gehört ist nur zu wahr. Die Ehe meiner Schwester ist gelöst – u. durch sie! Ersparen Sie mir Details. Sie können denken was wir alle gelitten in dem verflossenen Jahr, wie furchtbar schwer alles daran war – für mich in mancher Beziehung schwerer wie für alle Andren. Denn ich konnte nicht die gewisse Befriedigung im Verdammen u. Verurtheilen eines Menschen finden an den ich trotz allem so lange geglaubt. Wie viel positive Schuld sie hat – wer will das bemessen? das überlaß ich Gott zu richten. Indirecte hat sie in hohem Grade u. daß sie das Lebensglück meiner Schwester vernichtete, hat natürlich einen ewigen Riß durch unsre Beziehung zur Folge haben müssen. Wenn ich nicht gleich in diesem Sinne handelte geschah es weil meine Schwester in vielleicht zu weit gehender Großmuth es nicht anders wollte. Ich habe zu Ihnen so offen sprechen wollen – wenn nun Andre Sie darauf anreden so sagen Sie bitte: ja etwas unsaglich Ernstes u. Trauriges ist vorgefallen, wer aber einen Funken Freundschaft für mich habe, solle die Dinge möglichst auf sich beruhen lassen, die zu berühren wirklich zu dem Peinlichsten gehört was sich denken läßt. – Die gute Livia Frege hat in diesem Sinne ihre Neugierde bezähmt, jedes Gerede kurz abgeschnitten, sich selbst völlig auf Nichts reducirt u. mich dadurch aufs wärmste zu Dank verpflichtet. Aber nicht wahr, man darf das von gebildeten Menschen fordern oder doch hoffen – daß sie so furchtbar Trauriges nicht zum Gegenstand des Tratsches machen! Ja es giebt noch traurigere Dinge als den Tod. Wohl Denen die solche Dinge nie kennen lernen. Ihrer Theilnahme bin ich auch hier so sicher, liebe liebe Frau Schumann, entschuldigen Sie dies Blatt ich merkte zu spät daß es angefangen sei.
Ihre lieben Hände küßt Ihnen Sie innig <>liebende
Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
620-623
 



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