19.12.2019

Briefe



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ID: 18638 Brieftext


Geschrieben am: Mittwoch 17.11.1886
 

17. Nov. 86. BerlinW.

Liebe Hochverehrte, Gütige,

Ich wollte Ihnen gerne für Ihr liebes Geschenk danken wenn wir die Briefe gelesen aber noch fand sich nicht die Zeit dazu u. länger will ich deshalb nicht zögern sondern Ihnen sagen wie sehr wir uns auf die Briefe freuen u. über dieselben jetzt schon als Ihr Geschenk u. Zeichen liebreichen Gedenkens. – Ich habe in diesen Tagen die Brahmssche Cellosonate mit Hausmann musicirt, welcher sie in etwa 10 Tagen in Wien mit Brahms spielt. Der erste Satz (fdur) hat schöne fortstürmende Leidenschaft, in den Themen ist die erste Sonate glaub’ ich, viel bedeutender, aber Zug u. Energie u. eine höchst schwungvolle Durchführung lassen das Interesse keinen Augenblick erlahmen, <>der zweite Satz (fis dur!) ist schön u. vollklingend, wohlthuend in der Stimmung, warme Klänge u. weite Lagen, äußerst knapp in der Form, nach dem ersten Theil ein winziger phantasieartiger Mittelsatz u. sehr schöne Rückkehr, dritter Satz sehr rhytmisch bewegt u. unruhig, 6/8 Tact, sehr fließend, sehr gedrungen u. kräftig, aber Ähnliches hat Brahms schon bedeutender gefaßt. Der letzte Satz lyrisches Thema XXXX (aber Sehr rasch!)XXXX gequälter Mittelsatz, B moll, das Klavier aber angenehm fließend behandelt. Hausmann hat ein paar schrecklich klingende Begleitungsfiguren, ist aber immer nur selig u. begeistert. Im ganzen können wir uns des Gefühls nicht erwehren als wäre in diesem Stück, ähnlich wie wir das im C dur Trio empfinden nicht grade die Erfindung das stärkste u. das thut einem so leid, Leuten gegenüber die, wie Herm. Levi, darauf schon längst herum reiten u. denen man so ungern auch in der Stille u. theilweise Recht giebt. Man ist eben einem Meister wie B. gegenüber anspruchsvoll; grade wenn man ihn verehrt kann er einem nicht leicht genug thuen u. gewisse Dinge wie meisterliches Handhaben der Form, Fluß u. schönes kluges Fortspinnen sind ja bei ihm selbstverständlich, aber noch nicht alles, wonach das Herz begehrt. Ich bin begierig wie Sie urtheilen werden. Heinrich schickt Ihnen hier ein paar spassiger Variationen mit allerlei Anspielungen die er sie bittet mal anzugucken. Haben Sie gelesen was D. Müller über <i>Ihre Büste in die Allgemeine schrieb? Und haben Sie doch meinen langen Brief vom 22.10 etwa bekommen mit der Bitte daß mich Genchen mal besuche? Nicht als ob ich Antworten erwartete nur wissen möchte ich, u. vielleicht schreibt sie mir selbst einmal ob ich mich darauf freuen darf! Wie gehts Marie mit der Küche ich habe lange Noth u Arbeit mit einer kleinen Ignorantin gehabt nun gehts allmählig besser. Leben Sie für heute wohl liebe theure Freundin, neulich hörte ich wieder, es sei doch möglich daß Sie den Winter her kämen, sagen Sie ein Wort daß ich dran glauben kann. Schönsten Gruß an die lieben Töchter, Heinrich dankt auch noch speciell für die Briefe u. es küßt Ihnen die Hände
Ihre alte getreueste
Lisl

Frau Heritte war einen Abend hier; welch eine seltsame Erscheinung, auf dem Theater würde man das fast als eine „Hosenrolle“ bezeichnen – dennoch hat sie etwas sehr anziehendes u. nichts gemacht Emancipirtes. Ihre Schülerinn Lensmann sang einiges (nicht hervorragend schön) u. sie begleitete wie Napoléon – feldherrnhaft! Wir hatten sie aufgefordert etwas von ihren Compositionen mit Joachim u. Hausmann zu spielen aber sie lehnte es ab, war offenbar ängstlich was mir ordentlich gefiel, da sie ja sonst Courage genug hat. –
Die Lüge über Brahms Hiersein hat also richtig unser gemeinschaftlicher Freund Friedländer verbreitet!!

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
639ff.
 



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