19.12.2019

Briefe



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ID: 18639 Brieftext


Geschrieben am: Sonntag 01.05.1887
 

Berlin. 1. Mai 87.

Meine theure Frau Schumann,

durch Joachim höre ich eben daß Sie einen schweren Verlust erlitten haben, u. das zwingt mir sofort die Feder in die Hand, die ich so oft schon ansetzte, ohne daß es zu einem Briefe kam! Schon lange will ich Ihnen ordentlich schreiben u. Eugenie bin ich eine Antwort auf ihre gar liebe Karte die ich in Florenz empfing schuldig, aber als ich auf der Rückreise in Graz ihr schreiben wollte hatte das Unglück schon angefangen das mich bis jetzt ganz absorbirt u. mich bei ihr u. Ihnen gewiß entschuldigt. Denken Sie wie melancholisch unsre kleine Ferienexpedition endete, am Tage <> unsrer Abreise von Florenz, am 12ten (wir waren am letzten März hier abgereist, hatten nur 17 Tage zu unsrer Verfügung!) wurde mein Mann von heftigen Hüftschmerzen befallen, ähnlich wie er sie vor Jahren hatte als wir bei Ihnen waren, aber da bei früheren Gelegenheiten das Leiden immer rasch überwunden war, reisten wir trotzdem ab, ungeduldig bei der gebundenen Marschroute keine Zeit zu verlieren u zwar (26 Stunden lang) bis Graz wo wir Heinrichs Verwandten 2 Tage versprochen hatten, hier benutzten wir die Zeit zu einer wahren Pferdecur, dreimal tägliches Massiren u. Electrisiren, u. am 3. Tage, dem 16ten fuhren wir heroisch, mit Erlaubniß des Arztes ab – u. gut war es daß wirs thaten, denn sonst säßen wir noch <> dort! Freilich war die Reise für den armen ganz steifen, nothdürftig zurecht curirten Heinrich peinvoll genug, u. hier angekommen war er in einem kläglichen Zustand den indeß der Arzt Anfangs blos für Hexenschuß ansah. Alle angewandten Mittel halfen indeß nicht, das Uebel wurde schlimmer u. vorgestern faßte ich mir ein Herz, da unser Arzt mir zu unsicher schien u. bat um einen zweiten Consultationsarzt; denn nachgerade hatte mein armer Mann gänzlich die Fähigkeit zu gehen verloren u. wir schleppten ihn im Lehnstuhl auf einem Teppich vom Schlafzimmer in den Salon wo er wie gefangen sitzen blieb, von argen Schmerzen geplagt. Die Consultation ergab nur wenig, der Specialist (Nervenarzt da unser Dr das Leiden für neuralgisch hielt) erklärte nur, wofür er das Uebel nicht halte, vor allem verbannte er das Gespenst, das mich schon verfolgt hatte, es könne mit dem Rückenmark zusammenhängen, Ischias sei es auch nicht, Hexenschuß eben so wenig, sondern entweder eine locale Entzündung oder Gelenkrheumatismus, so glaube er, die folge müsse das Nähere ergeben; einstweilen verschrieb er leider! Salycil u. Eiscompressen u. Letztere Gottlob beruhigen meinen armen Kranken sehr der sich auch das im Bett bleiben seit gestern mittels diese Calmirung gefallen läßt. Apetit ist so gut wie keiner da, die Schwäche groß u. ich gestehe daß ich recht ernstlich besorgt war u. noch bin trotzdem beide Aerzte mich versichern daß von einer Gefahr nicht die Rede – Aber nun dauert es schon drei Wochen u. es ist immer peinigend, einem Uebel ohne Namen, das man sich nicht recht erklären kann, gegenüber zu stehen. Ach liebe theure Freundin u. mein ganzes ganzes Glück steht ja auf diesen zwei geliebten Augen, das schärft die Sorge, lähmt den Muth! Heute gesellten sich noch spannende Schmerzen in der Brust dazu, die unser Arzt als etwas Günstiges begrüßte, es lasse die Schmerzen harmloser erscheinen wenn sie Platz wechseln, meint er! Aber wie egoistisch komme ich mir vor, daß ich nun doch zuerst von uns u. meinen Sorgen sprach u. jetzt erst zu Ihnen komme liebe Frau Schumann die Sie den Schmerz um eins Ihrer geliebten Enkelchen erleiden mußten! Ihnen bleibt doch wahrlich kein Weh erspart! Arme Elise die so aufgeht in ihren Kindern – Freilich ist sie reich gesegnet aber wo hätte bei einer wahren Mutter je ein Kind das Andre ersetzt u. so werden Sie die sonst so Glückliche jetzt nur in ihren Schmerz versunken sehen. Wie ist es nur gekommen u. welches der Kinder fiel zum Opfer! Gern schriebe ich noch weiter fragte u. beantwortete die Fragen die ich auf Ihrem lieben Gesichte lese wenn ich Sie mir vorstelle wie ich nicht lassen kann wenn ich an Personen schreibe die ich liebe aber der arme Mann kann mich fast gar nicht entbehren u. ich kann nur kurz u. flüchtig berichten, zu diesem Wisch benutzte ich einen Besuch Spittas beim Heinrich. Bis vorgestern gab er Stunden zu Haus, u sein Gottlob freier Kopf ließ es zu, jetzt ist auch das, was eine wohlthätige Ablenkung war, ausgeschlossen. Von Florenz hätte ich noch gar gerne erzählt wie rührend froh die geliebte Mutter über unsern raschen couragirten Entschluß war – in 17 Tagen nach Florenz zu fahren u. zur Montagssitzung u. Aufnahmsprüfung richtig am 18. da zu sein (nur leider Invalid!) – wie lieb meine Schwester u. die holden Kinder, wie wir das Zusammensein genossen, u. wie herrlich doch das Florenz ist das Sie sehen müssen! Hildebrand war leider in Athen, sein Haus mit der lieben Frau u. von hübschen Kindlein wimmelnd ist ein wahres Paradies geworden. Ja Ihr müßt da hin Sie mit Ihrer warm empfänglichen Seele wären so beglückt davon. Und nun bitt’ ich schön daß Eugenie mir verzeihe ihr für die liebe liebe Einladung nicht gedankt zu haben aber wie gesagt, des Mannes Erkrankung schnitt mir alle Gedanken entzwei; daß wir nicht nach Frankfurt konnten in den 17 Tagen war leider selbstverständlich[.] Eug. dachte natürlich wir hätten längere Ferien. Unser Rundreisebillet lautete ironischer Weise auf 60 Tage. Doch nun Leben Sie wohl liebe hochverehrte Theure lassen Sie mich nur ein Kärtlein empfangen u. vielleicht schreibt mir Fillu mal über die Krankheit u. den Todesfall Ihres Enkelchen. Wie giebt es doch allerwärts Schmerz – der Fall mit dem armen Franck ist mir durch u. durch gegangen.
Ich küsse Ihre lieben Hände, Heinrich bittet um ein freundliches Gedenken[,] wenn ich darf berichte ich bald wieder u. hoffentlich Besseres!
Ihre treuste Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
645-648
 



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