19.12.2019

Briefe



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ID: 18641 Brieftext


Geschrieben am: Montag 08.02.1892
 

Liebe theuere Frau Schumann!

Ich habe immer wieder die Feder abgesetzt, so oft ich sie auch für diesen Brief in die Hand genommen – ich wollte nicht meine Trauer auf Ihr schwertragendes Herz laden, bevor sie nicht in ein abgeklärteres Stadium getreten wäre. Ich wollte Ihnen nicht weh thun, und Sie nicht in mein verstörtes Gesicht blicken lassen, wo Ihnen das arme liebe Lisl durch ihren Tod schon einen so grossen und echten Schmerz bereitet hatte: war es doch ein so schönes warmes und festbegründetes Verhältniss zwischen Ihnen und ihr; welche innige Freude hatten wir daran, wie dankten wir dem Himmel für dies Geschenk! Und auch Das ist nun entzweigeschnitten, auch Sie mit Ihrem guten grossen Herzen sind auf Bilder der Vergangenheit angewiesen; wird auch die ganze Erscheinung des dahingegangenen Wesens einheitlicher, klarer und dadurch immer liebenswerther, so drückt der Schmerz seinen Stachel auch immer tiefer in die Seele! Wie ich sie jetzt erkannt habe, so möchte ich sie wieder haben! Ach, man lebt viel zu sicher in seinem Besitze, vertieft sich allzuwenig in den Anblick seiner Geliebten, solange man sie um sich hat! Wie viel verlorene Momente habe ich zu beklagen, wie nagt die hoffnungsloseste Reue an mir, wie wenig habe ich Lisl erkannt, trotz all meiner Liebe, wie viel zu wenig habe ich sie geliebt! Nun wurde sie wie das Bild einer Heiligen vor meinen inneren Augen, und erquickt meine Seele, dass sie ihres Schmerzes noch gar nicht recht inne wird. Es liegt wie ein goldener Schleier vor meinen Augen – schon aber dringt das graue Tageslicht manchmal hindurch, und macht mich frösteln. Fällt der Schleier einmal ganz vor der Realität des Lebens, dann erst denken Sie an mich als einen Traurigen!
Die Weltentrücktheit, in der ich lebe, ist für die erste Zeit wohl eine herrliche Arznei: ich arbeite von früh bis spät! Dreimal die Woche gehe ich zu den lieben Hildebrand’s hinaus, die mir ein wahres Labsal sind! Und so gedenke ich bis halben Mai zu bleiben. Dann gehe ich nach San Remo – ist es nicht schön, dass auch ihr Irdisches in einem Paradiese liegt? – dann nach Heiden. Das liebe <> unschuldige Häuschen, das wir Drei uns voriges Jahr in glücklichstem Übermuth bauten, ist nun für mich der liebste Winkel auf der ganzen Erde. Der Blick von dort ist wie geschaffen für einen Träumenden, der die Welt nur immer von oben und von fern zu sehen begehrt. Nun aber bitte um Nachricht über Ihr Befinden, theuerste Freundin! Ich habe in letzter Zeit nicht viel Gutes darüber gehört! Dass Sie wieder einen so schlimmen Fall thun mussten! Eine Ihrer lieben Töchter hat wohl die Güte mir darüber zu berichten. Frl. Eugenie danke ich von Herzen für ihren lieben Brief! Demnächst gehen Ihnen sehr schöne Gedächtnissworte zu, die Wach in einer Trauerversammlung unsrer Leipziger Freunde gesprochen hat.
Übertragen Sie nun ein Theilchen Ihrer Zuneigung für Lisl auf mich, den traurigen Rest eines Zwillingspaares!
In treuester Verehrung, Liebe und Dankbarkeit
Ihr
Herzogenberg

Florenz, 8. Febr. 92 Via dei Bardi 22

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Florenz
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
784ff.
 



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