19.12.2019

Briefe



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ID: 18643 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 19.03.1892
 

<>Theuerste Frau Schumann!

Ja freilich wäre es schön, wenn wir uns einmal aussprechen könnten, und das erscheint mir nach Ihren letzten Mittheilungen gar nicht so unwahrscheinlich. Sie gehen Ende April nach Palanza; das thut man doch nicht auf kurzen Aufenthalt, also habe ich die Hoffnung, Sie dort noch vorzufinden, wenn ich Ende Mai nach Heiden reise. Palanza liegt gerade auf meinem Wege; an bestimmte Daten bin ich sowenig wie Helene Hauptmann (mit der ich zurückreise) gebunden; ich sehe also nicht ein, wie ich um diese Freude kommen sollte! Sie wollen für den Sommer nach irgend einem höher gelegenen Ort Italiens gehen; ich hoffe nur dass Sie Einen wählen, wo wirklich gute Verpflegung und Unterkunft zu finden ist. Meines Wissens ist das nicht häufig, und muss man bei Recommandationen recht vorsichtig sein, weil die Geschmäcker ja so verschieden sind. Hildebrands hatten in Toscana ziemlich viel Mühe, obgleich sie ihren Hausstand mit sich brachten. Gut aufgehoben ist man glaube ich in der ital. Schweiz, an den Seeen [sic], und in Südtirol (Bozner Gegend: Mendel vortrefflich, S. Madonna del Campiglio wohl auch) In den Apenin kommen eigentlich nur italienische Familien, die ganz andere Begriffe vom Leben haben. Ich will jedoch Hildebrand nicht vorgreifen!
Dieser Tage erhalten Sie ein Heftchen Clavierstücke Lisl’s, die ich drucken liess, weil ich sie sehr liebe, und – in gewissen Grenzen – für recht werthvoll halte. Ich will Ihnen mein Urtheil aber gewiss nicht aufdrängen, habe Ihren Namen auf das letzte Stück auch nicht geschrieben, um den Stücken Gnade vor Ihren Augen und Schutz gegen Aussen zu verschaffen: Sie erscheinen hier einmal ganz „in Civil“ mitten unter mehr oder minder bekannten Freundinnen Lisl’s, und nur um zu bekunden, wie nahe Sie dem Herzen Lisl’s standen – von aller Verehrung der grossen Künstlerin abgesehen. Hab ich’s damit getroffen? Ich glaube, ja!
Der frische muthige Ton, in dem Sie von Ihrer Wiedergenesung sprachen, hat mich sehr erfreut; ich nehme ihn als gute Vorbedeutung! Herzliche Grüsse an Ihre Töchter!
Ihr treuester
Herzogenberg

Rom 19. März 92

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Rom
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
789ff.
 



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