19.12.2019

Briefe



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ID: 18646 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 15.12.1892
 

Berlin W Kurfürstendamm 141 15. Dez 92

Theuerste Frau Schumann!

Sie haben mir auf meine schmähliche kleine Karte mit einem so schönen – überdiess ganz eigenhändigen! – Brief geantwortet, dass ich ganz beschämt war. Aus der abentheuerlichen Fahrt nach Frankfurt ist nun allerdings nichts geworden, da mich nur eine gute Aufführung mit Orchester dazu hätte reizen können. Kam ich doch eben erst aus Leipzig zurück; die Sache wäre also immerhin etwas gewaltthätig gewesen. Sie zu sehen behalte ich mir aber vor, und zwar einmal in Ruhe; unter allen Freunden, die mir jetzt wohlthun, sind Sie obenan, liebe gütige Frau Schumann! Sie verstehen es so gut wie Niemand vom Herzen in die Lippen zu reden, und ich bin so dankbar für jeden Moment, wo mir mein Verlust durch Theilung der Empfindung – wenn auch nicht leichter, so doch sanfter entgegentritt. Ich habe recht schwere Zeiten durchgemacht; ein fortwährendes quälendes Vermissen, und ein immer grauerer Blick in die Zukunft. War auch zu Nichts aufgelegt, und konnte mich nicht aufraffen. Und doch will das Leben nicht nur ertragen werden, sondern es muss ein gutes Neues entstehen können, sonst hält man’s nicht aus. Und gar Niemanden haben, dem zu Lieb man sich obenauf erhalten muss, ist recht hart. Meine eigene Selbstliebe ist noch nicht erwacht; habe auch nie viel davon gehabt, und immer gedacht, das Beste an mir ist, dass Lisl mich mag. Das fühlt man hinterher so erbarmungslos klar.
In Leipzig hatte ich wahre Freude an den lieben Wach’s, bei denen ich wohnte; Lili sieht blühend aus, das ganze Haus strahlt von Glück und Liebe – Sie glauben nicht, wie das wohlthut! Und die vielen Freunde und Freundinen die mich wie in einem guten Traum liebevoll umgaben! Auch meine Symphonie (N 2) ging vortrefflich und ich dirigirte tapfer und unermüdlich. Und doch <>Alles wie in einem Guckkasten, als ob ich mir aus der Ferne zusehen würde.
Sehr grosse Freude hatte ich dieser Tage an Borwick. Ich muss sagen, dass die ganze Persönlichkeit sich ausserordentlich entfaltet hat – was uns vielleicht noch abgeht, wird wohl nie ganz sich ändern, da es ja wohl eben mit seinem Wesen seinem Temperament zusammenhängt. So finde ich ihn z. B. nie witzig oder geistreich (an Scarlatti recht zu fühlen) dafür ist die Gliederung des Vortrags ganz erstaunlich klar. Und diese ganz famose Technik – innere Technik! – und der bezaubernde Anschlag, oder ist das zuviel gesagt? Ich hätte ihn am liebsten umarmt; vielleicht thu ich’s noch Sonntag, wo er bei uns isst.
Und die Brahms’schen Stücke! Beinahe ist die Form zu klein, um diese Fülle von Gedanken, Affecten, Stimmungen und diesen unerhört reichen Satz zu tragen. Es muss aber eben auch Das geben, und kein Andrer hätte es nur erdenken können! – Wie schön, dass es Ihnen wieder besser geht nach Joachim’s und Borwick’s Schilderung! Und das ist ja herrlich dass Ihrer Tochter Eugenie England so gut bekömmt! Sie sollen sehen, sie wird noch kräftig werden in der prächtigen Seeluft. Herzlichen Gruss an Frl. Marie, die sich hoffentlich nicht zu viel Arbeit aufladet!
In treuer dankbarer Freundschaft
Ihr
Herzogenberg

Helene H. grüsst bestens; sie ist ein wahrer Engel an Güte; ich verhelfe ihr gewiss in die oberste Etage des Himmels!

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
796ff.
 



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