19.12.2019

Briefe



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ID: 18654 Brieftext


Geschrieben am: Donnerstag 05.06.1890
 

Berlin Burggrafenstr. 4. 5. Juni. 90. –

Meine theure Frau Schumann,

So lange habe ich nichts von mir hören lassen daß Sie mir gewiß zürnen. Thun Sie’s nicht länger u. lassen Sie sich erzählen daß wir mit vielem Glück unser geliebtes Häuschen endgiltig verkauft haben u. alles nach Wunsch ging. Auch beim Verkauf (Auktion!) des Inventars verlief alles günstig genug, schönstes Wetter lockte unzählige Menschen heran u. schließlich wimmelte es von Bäuerlein die mit ihrer kleidsamen Tracht in der „Pilgerlaube“ sitzend (wo eine fliegende Schenke nach dortigem Brauch errichtet worden war) eine ungewohnt hübsche Staffage bildeten! Von Sonne gebadet lag das Hausl da, die Berge glitzerten in der klaren herrlichen Luft u. alles war dazu angethan uns den Abschied recht schwer zu machen. Wir hielten uns dennoch tapfer; solang man zu arbeiten hat, wird man nicht sentimental, nur zuletzt, als beim Wegfahren das geliebte kleine Hausl nocheinmal durch die Bäume schimmerte – da gab es mir einen Riß u. die Schleusen thaten sich auf! Nun ist auch das überwunden u. wir sind dankbar daß es so glimpflich abging. In München war ich zwei Tage (Heinr. kam dann nach ich ging eines Zahnarzts wegen voraus) u. erfreute mich an dem Zusammensein mit Levi dem man trotz alles dessen, was einen trennt, doch gut sein muß! Ich freute mich daß er mir so Gutes von Ihnen sagen konnte u. Sie so ganz unverändert gefunden hatte, in alter Frische strahlend! nach allem was Sie durchgemacht u. der lang hinschleichenden Influenza war ich auf so Günstiges nicht gefaßt. Interessant war mir daß Levi mir sagte er fühle sich so einer vergangenen Epoche angehörend, könne mit den neusten musikal. Bestrebungen, russischen u. norwegischen, gar nicht mit, es sei „eine fremde Sprache für ihn“ u. er schließe vollkommen mit der klassischen Zeit als deren letzter Ausläufer ihm Wagner <ihm> gelte, ab!! „Gräßlich, diese ewigen Nonaccorde“ etc sagte er. Was, sage ich, da begegnen wir uns ja endlich u. Sie müssen ja endlich begreifen, warum wir nicht mit Wagner mit können, wenn’s bei Ihnen nun auch mal am musikalischen Material scheitert – „ja ja, sagte Levi da nachdenklich, eigentlich sind Sie nur 10 Min. früher ausgestiegen als ich“!! Meine Mutter8 ist zu meiner großen Freude seit einigen Tagen bei uns u. bleibt nun bis 1/2 August mit uns vereinigt. Unsre Sommerpläne sind erst seit ihrer Anwesenheit festgestellt da man schriftlich wenig mit der Mutter ausrichten kann, sonst hätte ich Ihnen auch früher davon geschrieben. Halben August soll Heinrich zur Stärkung seiner Schleimhäute nach Sylt, das ist das einzige vom Arzt Geforderte, die übrige Zeit Heinrich darf von Juli ab seine Ferien antreten dürfen wir nach unsrem Ermessen verwenden u. da die Mutter sich nach warmen Bädern die ihr vorig Jahr in Baden so wohlgethan, sehnte so haben wir uns entschlossen, vorher mit ihr nach Wildbad zu gehen so geographisch unpraktisch dies auch für uns ist. Aber was thut man nicht gern für solch liebe alte Mutter die einem die Freude macht, im Ganzen für ihre Jahre so rüstig u. frisch zu sein. Z. B. ist sie neulich nach ununterbrochener Fahrt von Florenz nach Dresden am Abend der Ankunft noch in’s Theater gegangen!! – Mein Heinz ist im Ganzen auch sehr rüstig u. frisch u. hat neulich <eine>zwei Stunden lang dirigirt ohne im Geringsten ermüdet zu sein. Freilich der Schnupfen ist immer noch episodisch (nicht gleichmaßig fortdauernd) da u. auch der Darmcatarrh ist nicht ganz überwunden, aber wenn man hört daß Wach z. B. an Letzterem 6 Jahre lang laborirte so muß man ja ganz stille sein. Und wir können doch noch hoffen ihn früher los zu werden da Heinrichs Natur sich sonst Gottlob so bewährt. Haben Sie denn gehört daß die arme Volkland so krank an einer schweren Unterleibsentzündung darniedergelegen, drei Wochen lang? Wie viel Elend u. Krankheit giebt es doch auf der Welt, – das eigentlich Abnorme ist eigentlich die Gesundheit! Brahms z. B. dem nie was fehlt (Gott erhalts ihm!) ist ein ganz unnatürlicher Mensch. In seiner Vaterstadt wo wir einen hübschen Herzogenbergabend im Tonkünstlerverein erlebten (schrecklich war nur eine taktlose, schmeichlerisch beleidigende Rede von Bernuth!) gefiel es uns kürzlich über die Maaße, was ist das für ein herzlich schöne Stadt! Der Hafen mit den Massenhaften Schiffen u. die saftigen Wiesen mit weidenden Kühen gleich vor der Stadt u. das lustige Wasser u. die wundervollen Buchenwälder so nahe – es könnte einem Lust machen, da einmal Hütten zu bauen. Berlin ist jedenfalls landschaftlich u. architektonisch eine der armseligsten Städte, das läßt sich nicht leugnen. Darf ich nach dieser langen Epistel nun auch um ein klein bischen Biographie von Ihrer Seite bitten auch Ihre Pläne wüßte ich gerne fürchte aber daß unsre Wege sich heuer gar nicht kreuzen da wir zu früh in den Schwarzwald kommen um hoffen zu können daß Sie dann schon diese Richtung einschlagen. Bis Nächsten Winter ist aber weit u. wir schauen nicht gern so weit vorwärts wenn wir uns was Liebes wünschen. Hildebrand den Bildhauer werden wir auch kaum zu sehen kriegen er ist gebundener denn je durch fünf kleine Bande u. die Frau. Der Dietrich (Hadubrand!) soll ein Prachtkind sein, der Vater fleißiger u. vergnügter denn je. Von meiner Nichte Cloto hat er kürzlich ein Relief in Marmor gemacht, meiner Mutter Büste ist jetzt in Paris. – Doch für heute Lebewohl liebe theure Freundin Wie hab ich es genossen wieder einmal mich in Ihre liebe Nähe zu versetzen. Eugenie Dank für ihren lieben Brief u. Euch allen innige Grüße! Lassen Sie bald etwas von sich hören u. denken Sie manchmal liebreich Ihrer in alter Liebe u. Treue ergebenen
Lisl.

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
732-735
 



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