19.12.2019

Briefe



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ID: 18655 Brieftext


Geschrieben am: Samstag 16.08.1890
 

16. Aug. 90.

Meine theure Frau Schumann,

Einen wehmüthigen Gruß sende ich Ihnen heute aus Ihrer Stadt wo Sie nicht zu haben ein solcher Kummer für uns ist! Wie selten können wir hieherkommen, u. nun ist man einmal hieher geführt u. muß das Beste was Frankfurt für uns birgt, entbehren! Heute traf ich von München hier ein. Ihren lieben theuren schönen langen u. guten Brief wollte ich von Wildbad schon längst ausführlich beantworten, aber ein Tag verschlang förmlich den Andren u. leider nicht in der erfreulichsten Weise, ja wir kamen eigentlich aus der Sorge u. Unruhe nicht heraus. Meiner Mutter bekam der Aufenthalt diesmal gar nicht, oder war die ewig schwüle Witterung dran Schuld, genug, ein Schleimcatarrh den sie bald nach unsrem Eintreffen bekam, wollte nicht weichen, u. ich habe sie so matt u. angegriffen eigentlich nie gesehen, abgemagert auch noch obendrein u. in gänzlich herabgedrückter Stimmung. Dabei immer gegen jede<n> ärztliche Berathung protestirend u. viel zu viel unternehmend – es war eine bängliche u. traurige Zeit für mich. Dabei findet man dann auch schwer die rechte Schreibestimmung. Von Baden war nie die Rede gewesen, Sie hatten das mißverstanden; ich hatte nur gesagt der Mutter seien die Badener Bäder so gut bekommen daß sie in Wildbad auch baden wolle (es ist ja nahezu dasselbe Wasser) sie hat es aber fast gar nicht thuen können. Am 11. brachen wir auf, blieben zwei Tage in Heidelberg wo es meiner Mutter außerordentlich gefallen hat, so daß sie sich am Liebsten dort niederlassen möchte u. vorgestern begleitete ich sie nach München wo mein Neffe Stockhausen sie in Empfang nahm u. gestern nach Tegernsee brachte wo sie mit m. Bruder noch einige Zeit verbringen wird. Sie möchte am liebsten nicht nach Italien zurück, das ihr durch so vieles Unliebsame u. das schwierige materielle Leben ganz verleidet ist; so lang Julia aber noch dort lebt, will sie’s doch nicht aufgeben. Wir hätten sie natürlich auch tausendmal lieber in Deutschland, das weite Getrenntsein ist ja so hart, so schwer. Ich hoffe auch sehr daß es noch dazu kommt. Sie hat ein zu mühsames Leben in Florenz. In München hatte ich einen gemüthlichen Nachmittg mit Levi, er kann die bekannte Wagner-Predigt bei mir nie lassen, hofft immer noch was auszurichten, sonst ist u. bleibt er aber ein liebenswürdiger anmuthiger Mensch. Er ist ganz angethan u. beglückt von einer neuen Sängerin Tercina, die der herrlichste Fidelio sein soll;versäumen Sie doch ja nicht, sie zu hören, ein künstlerisches Ereigniß sagt Levi, hat seit der Dustmann nichts annähernd so Schönes erlebt. Wissen Sie was von Brahms? Wir gar nichts mehr; er wird immer schweigsamer u. ich fürchte er spähnt sich immer mehr von uns ab – Wie gehts Ihnen denn auf dem Salzberg, werde ich von dort mal was hören? Wir fahren morgen Hamburg übermorgen nach Sylt, von dort schreib ich bald ein Kärtlein Mein Mann war von Heidelberg allein hieher gefahren traf auf dem Niederwald Engelmans.
Er ist wohl u. küßt Ihnen mit mir die theuren Hände. In alter Liebe Ihre Lisl

Verzeihen Sie den unsaubren Brief, schlechte Hotelvorrichtung kein rechtes Löschblatt!

  Absender: Herzogenberg, Elisabeth von (691)
  Absendeort: Frankfurt am Main
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
738ff.
 



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