19.12.2019

Briefe



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ID: 18660 Brieftext


Geschrieben am: Dienstag 16.12.1890
 

Verehrteste Frau Schumann!

Vielleicht macht es Ihnen etwas Spass, von zwei Schülern beifolgende Novität sich vorlesen zu lassen; ich überfalle Sie einfach mit meinem Kreuzband ohne lange vorher zu fragen, weil es mir seit langer Zeit ein intimes Bedürfniss geworden ist, Ihnen meine Erzeugnisse unter die stets gütigen Augen zu bringen.
Sie glauben gar nicht, wie viel mir daran gelegen wäre, endlich einmal Ihren rückhaltlosen Beifall zu verdienen. Ich mag ihn aber weder erbetteln noch erschleichen, und warte geduldig auf den schönen Tag, wo er wie ein Segen über mich kommen wird.
Das ist der Inhalt so manchen Selbstgespräches vor dem lieben rührenden Doppelbild auf meinem Schreibtisch; einmal musste ich’s wieder laut werden lassen! Ihnen, wie jedem Menschen, welcher Brahms liebt, also auch uns, gratulire ich von Herzen zum G dur-Quintett. Die Seitenpartien des I. Satz, und die beiden Mittelsätze mit Haut und Haaren gehören zum Schönsten was wir in der ganzen Kammermusik haben; Joachim und seine Leute bis in’s letzte Glied strahlten vor Freude und Eifer; die Aufführung war auch danach, und das Publicum wie electrisirt; das Scherzo wurde 2 mal gemacht und gefiel das zweite Mal noch besser, was gewiss ein gutes Zeichen für das Stück, aber auch für das wohlgebildete Publicum ist. Wenn man es von irgend einem Publicum sagen kann, so gewiss in erster Linie von diesem: es ist der Musik wirklich werth, die man ihm vorführt, und werth, dass Joachim sich zu ihm herablässt. Dieser herrliche einzige Joachim brachte uns so gute Nachrichten über Ihr Befinden, dass wir Alle voller Freude waren! Wie schade, dass Frankfurt nicht so nahe wie Leipzig ist; wir wären zum Concert, wo Sie spielten gewiss gekommen. Nach Leipzig wenigstens fahren wir mit erstaunlicher Leichtigkeit hin und her: erst zu meiner Symphonie, dann leider zum Begräbniss der lieben kleinen Frau Hauptmann, und vorgestern sogar zur 1. Probe eines Requiems, zu welchem ich in einiger Beziehung stehe. Mit Kummer haben wir auf den lieben Besuch Filu’s verzichtet; so sitzen wir beiden Alten allein unterm Tannenbäumchen! – Meine Frau hatte bis vor Kurzem recht viel Noth mit ihrer Kurzathmigkeit; nun geht’s plötzlich viel besser; sie grüsst mit mir – dessen Befinden bereits ganz uninteressant geworden ist – das ganze Haus Schumann! Der kleine Landgraf hat mir ein 4tett geschickt, welches wirklich gar nicht übel ist, wenigstens im Lesen; ich hatte ihm eigentlich nicht ganz so viel bildnerisches Talent zugetraut. Lisl schreibt nächstens selbst.
Mit ehrfurchtsvollem Handkuss
Ihr getreuester
Herzogenberg

B. 16. Dez 90

  Absender: Herzogenberg, Heinrich Freiherr von (692)
  Absendeort: Berlin
  Empfänger: Schumann, Clara, geb Wieck, Clara (3179)
  Empfangsort:
  Schumann-Briefedition: Serie: II / Band: 15
Briefwechsel Robert und Clara Schumanns mit den Familien Voigt, Preußer, Herzogenberg und anderen Korrespondenten in Leipzig / Editionsleitung: Thomas Synofzik, Michael Heinemann / Herausgeber: Annegret Rosenmüller, Ekaterina Smyka / Köln: Verlag Dohr / Erschienen: 2016
ISBN: 978-3-86846-026-1
743ff.
 



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